Hier entsteht eine Erzählung aus Bremen

Jette, Bremen, Einbecker 14

Um 1954-56

Liebe Leser, Sie sind eingeladen, hier bei meinem “ Erzählexperiment “ mitzulesen. Sie befinden sich gerade in einem Link meiner Website, in dem ich aktuell meine Bremer Erinnerungen aus meiner Kindheit als „Jette“ aufschreibe. Der Text, den Sie lesen, ist also täglich frisch, aus dem Herzen und aus dem Handgelenk geschrieben. Die Erzählspur ist also etwas unkontrolliert und locker gehalten. Sie ist nicht lektoriert und folgt ganz den Bildern meiner täglichen Erinnerungen an die Zeit in der Einbeckerstraße 14 in Bremen. 

Manchmal, da gerate ich in einen, gestern oder vorgestern, geschriebenen Abschnitt und gestalte ihn neu, füge etwas hinzu oder ändere ihn. Namen verändere ich meist etwas, um einer Daten – Fragestellung zu entgehen. 

Lassen Sie sich also meine Erzählung gut schmecken. Ich bemühe mich, das Erzählen inhaltlich saftig und erlebnisnah zu gestalten. Wie ein gerade frisch gepflückter Apfel, haptisch griffig, geholt von einem der Bäume aus meinem heutigen Garten und er gut in der Hand liegt. Natürlich soll er auch schmecken. Die Erlebnisse und Erinnerungen sind wahr und haben sich so zugetragen, wie berichtet. Manch kleiner Wurm darin sollte Sie nicht stören und auch die paar Schorfstellen nicht. 

Guten Lese – Appetit wünscht Ihnen: Annette, alias „Jette“.  

Jette, Einbecker 14

Damals, als ihre Kinderhände noch weich und wie kleine Kissen, von ihren runden Armen aus in die Welt griffen,- es war die Zeit des hellblauen Wollpullovers mit dem Rostfleck-, wusste Jette noch nichts von den Schwierigkeiten im Leben eines adipösen Kindes in der Schule.                      Aber sie hörte schon die Wortspiele der Kinder, die auf der Straße spielten. Sie machten sich lustig über ihren Namen und machten Späße: „Jette die Fette“.    Das reimt sich gut in spöttischen Versen. Toilette, Adrette, Tablette, Babette Klarinette, Wette und Bette. „Ich wette, Jette die Fette nimmt eine Tablette und geht auf Toilette und danach ins Bette“. In den Kindergarten wurde sie nicht geschickt. Sie spielte auf der Straße mit den anderen Kindern, die auch nicht im Kindergarten waren. Einige ihrer Spielkameraden waren ganztags auf den Straßen. Sie hatten Schlüssel an einem Band um den Hals hängen, damit sie ins Haus konnten, denn ihre Eltern gingen ganztags arbeiten. Sie ließen die Kinder alleine mit vorgekochtem Essen und einem Schlüssel für die Wohnung. Manche der Kinder hatten einen Plan von ihren Eltern, was zu tun ist während der Abwesenheit ihrer Eltern und wie sie sich verhalten sollen. Aber nicht alle. 

Die meisten der Kinder waren frei wie kleine Vögel und auch so zerzaust. Und sie genossen das Freisein meistens sehr. Sie stellten ihre eigenen Regeln auf und lebten danach. Manchmal waren es sehr harte Regeln. Ingeburg Schuur z.B., die älteste von 8 Kindern, stellte ein Ranking auf: Jedes Kind musste sagen, wieviel Mal es schon geschlagen wurde. Und diejenigen, die von dem meisten „Arschvoll“ berichten konnten, hatten erste Priorität, z.B. mit ihr, Ingeburg, zu spielen. Kloppe wurde gezählt und war selbstverständlich im Leben der Kinder.

Das wurde erst gar nicht hinterfragt. Höchstens fürchtete man sich schon vor dem nächsten Mal. 

Jette war ganz hintendran. Die Ohrfeigen von ihrer Mutter, „Backse“ genannt, zählten für sie nicht als „Arschvoll“ und sie vermied es lieber, davon zu berichten. Manchmal durfte Jette deshalb nicht mit hinunter auf den Schuttplatz, wo die Wohnbaracken standen, den denen die Familie Schuur mit den vielen Kindern wohnten. 

Einmal war es „ziemlich ganz gemein“, wie die Kinder sagten, Ingeburg schlug ein „Verstecken mit Baby“ vor. Das ging so, dass das gerade neugeborene Baby der Schuurs, auf das Ingeburg aufpassen musste, irgendwo auf dem Schuttplatz oder den umliegenden Sträuchern versteckt wurde und alle mussten es suchen. „Der Finder  ist dann König“ sagte Ingeburg in der Hoffnung, das Baby würde im Versteck nicht anfangen zu brüllen. 

Natürlich durfte Jette nicht mit, weil sie im „Arschvoll-Ranking“ zu weit hinten lag. Jette beschwerte sich bei ihrer Mutter: „Ingeborg lässt mich nicht mitspielen und jetzt habe ich keine Freundin mehr“. „Du hast doch mich als Freundin“, sagte Jettes Mutter. Das war aber nicht das gleiche wie Ingeburg als Freundin zu haben. 

Ein paar Stunden später kam Ingeburg zur Einbecker14 und klingelte: “ Kommt Jette raus? die Kinder sind alle weg und ich habe niemanden zum Spielen. 

Jettes Mutter baute sich auf: „Jetzt brauchst Du auch nicht kommen, jetzt spiele ich gerade mit Jette.“                                                                                            Das war so schön. So schön, wie die Mutter vor ihr stand und sie verteidigte. Jette liebte ihre Mutter. Sie liebte sie, „wie der Himmel die Sonne liebt und umgekehrt“, so sagte sie das ihrer Mutter. Und da machten die „Backse“, die die Mutter meist nervös am Esstisch an sie verteilte, ihr nichts aus. Denn wahrscheinlich hat sie, Jette, das auch verdient. 

„Das sind die Schlüsselkinder hörte Jette die Leute sagen, und, man müsse sich vor denen in acht nehmen, die hätten meistens nie so gute Ideen. Die Schlüsselkinder konnten jedenfalls immer nach Hause, in die leere Wohnung gehen, falls es regnen würde oder wenn es einen anderen Grund gab. Oder, wenn sie Hunger hatten. Bei Hanna Racke wusste Jette, stand immer ein Topf mit gekochten Kartoffeln auf dem Herd. Die waren aber kalt. Man konnte zu Rackes nach oben in die enge Zweizimmerwohnung gehen und kalte, gekochte Kartoffeln essen. Mit Zucker. Oder Salz. Manchmal aßen die Kinder sie auch mit Resten von Marmelade.  Manni Racke, der größere Bruder von Hanna, nahm meist alle Kinder, die beim Spielen dabei waren,  mit hoch in die Wohnung und verteilte die Kartoffeln. Jette liebte Manni und war sicher: Den heiratet sie mal später!            

Rackes bekamen noch ein Baby. Einen Jungen und nannten ihn Detlef. Das Baby wurde von Hanna und Manni herumgetragen, wenn der Vater sich mit der Mutter stritt. Hanna nahm den kleinen Detlef  dabei nie auf den Arm, wenn sie ihr neues Kleid trug. Manni wollte zwischen die Eltern gehen und die Mutter vor den Schlägen schützen. „Hanna nimm ihn, ich muss dazwischen“ sagte Manni. 

„Geht nicht, du siehst doch, dass ich mein neues Kleid an habe“, sagte Hannah. „Ich kann den Kleinen jetzt nicht nehmen“. Detlef, genannt „Detti“ schrie. Der Vater schrie, die Mutter schrie und weinte und Manni lief mit dem Kleinen in der Wohnung herum, sah sich gezwungen, das Baby auf den Boden zu legen, damit er die Mutter schützen konnte. Jette saß auf dem Stuhl am Küchentisch und schluckte den Rest einer kalten Kartoffel hinunter. Die anderen Kinder waren schon schnell über die Treppe nach draußen, hinunter in die Alfelderstraße gelaufen, als die Eltern von Manni und Hanna nach Hause kamen. Schon beim Heimkommen kamen sie streitend die Treppe hoch.“ Oh, das gibt wieder Ärger“, sagte Manni und nahm Detti aus dem Kinderwagen. denn, wenn er Detti auf dem Arm hielt, verlief der Streit meist etwas weniger kritisch. Mit den Schlüsselkindern war Manni großzügig. Er verteilte sehr gerne die kalten Kartoffeln. Die Eltern waren arbeiten und es gab für Jette und die Schlüsselkinder oft kalte Kartoffeln bei Rackes in der Wohnung. Hanna nahm nie Kartoffeln. Sie aß wenig und wenn, dann den Zucker in der Regel pur. Aber die anderen gewannen den kalten Kartoffeln mit außergewöhnlichen Zutaten Geschmack ab. Hanna war die dünnste von allen und hatte braune, faule Zähne. „Das sind noch deine Milchzähne“ sagte Frau Racke, „Wenn die richtigen Zähne kommen, dann hast du schöne weiße und große neue im Mund“.                 

Meistens gab es noch die Kartoffeln von gestern im Topf. Und, es war auch noch etwas Soße in der Kanne, die meist neben dem Waschbecken stand. Das schmeckte gut mit Salz und etwas darüber gegossener Milch, wenn welche von gestern übrig geblieben war. Auch mit Butter. Die gab es und die passte gut zu allem. Besonders zu kalten Kartoffeln mit Salz. Zucker und Marmelade taten es natürlich auch. Wenn genug Kinder mit in die Wohnung nach oben gekommen sind, legte Manni die neue Schallplatte auf.                    Rackes hatten einen Plattenspieler. „Bella Bimba“ sang Bibi Johns und Caterina Valente sang:“Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini“. Nachher teilten die Kinder ihre Gruppen mit einem Abzählreim auf: „Caterina Valente hat`n Arsch wie ne Ente und`n Bauch wie ne Kuh und raus bist du!“

Rackes hatten irgendwann dann auch einen Fernseher. An der Seite, oder hinten am Fernseher, Jette konnte das nie richtig sehen, war ein kleinerer Kasten. Darein musste man fünf Mark stecken, um die Sendungen im Fernsehen angucken zu können. Manchmal ging der Fernseher aus und es waren keine fünf Mark mehr da. Dann gab es Streit zwischen den Eltern, weil der Vater überzeugt war, dass er schonmal die fünf Mark daneben gelegt hatte, falls der Fernseher aus gehen würde. Und Frau Racke sagte, sie wüsste davon nichts..

Einbecker 14

Auf den schwarzen Asphalt vor dem Haus in der Einbeckerstraße 14 hatte Jette gerade mit dem Rest einer weißen Kreide wackelige Linien eines Springspiels gezeichnet. Die Zahlen in den weißen Feldern waren in Rot, heute würde man sagen: „Terracotta“.

Es waren keine richtigen Kreiden, sondern Bruchstücke, die sie sich aus den Resten der Mauern von Schuttplätzen der zerbombten Häuser zusammengesucht hatte. Mit einigen dieser Ziegelreste konnte man richtig gut zeichnen und malen: Die waren weich und meist etwas bröselig. Sie hinterließen breite, sichtbare Spuren auf der rauen Fläche des Asphalts. Aber kräftig aufdrücken musste man schon!

Kalksteine für Weiß und Ziegel für Rot.

Zu der Zeit, als Jette noch nicht in die Schule ging, gab es in der „Einbecker“ noch immer zwei große Schuttplätze aus dem vergangenen Krieg.

Jette stand mitten in der Straßenzeichnung, x-beinig, wie alle dicken Kinder schwer von Gewicht und schob ihren runden Bauch mitten in den Kreis, auf die Nummer 10, ins Feld ganz oben.

Sie freute sich, denn sie hatte es geschafft, alle Felder ohne Grenzberührungen auf einem Bein durch zu hüpfen.

In diesem Spiel gewann immer der sicherste Springer. Einer, der abschätzen konnte, wie viel Kraft und Energie man in den geplanten Sprung einberechnen muss, um in die genaue Mitte der Kreidekästchen aufzukommen.

Den Rand zu berühren war verboten.

Gewinnerin wollte Jette sein, die beste aller Mitspieler. Das wollen immer alle Kinder. Waren keine Schlüsselkinder auf der Straße, konnte man sich ganz alleine mit diesem Spiel beschäftigen und das sichere Springen und Hüpfen üben.

Jette übte sich spielerisch, sie setzte sich unter den Zwang eigener Kontrollregeln.

Jette nahm das rote Stück Kreide und zeichnete zu der Nummer 10 in das Kästchen einen großen Stern.

Hannah, Manni, Lore und Jette. Sie waren der Kern der Gruppe. Etwas weiter entfernt wohnend, war Rolfi Susse mit der Baskenmütze, manchmal schlecht einzuschätzen, welche Laune er hatte. Und der Erich war oft etwas gefährlich. Er war lang und dünn und weißhäutig und hatte ganz weißblondes Haar. Der wohnte weiter hinten in der Alfelder und man ging ihm am besten aus dem Weg.. 

Und Karla, eine von den Schlüsselkindern, die den ganzen Tag draußen war, die gehörte auch dazu.Karlas Eltern gingen auch arbeiten. Aber immer länger, als den ganzen tag. Manchmal bis in die Nacht. Karla, die mit 11 Jahren schwanger wurde und mit 12 ein kleines Mädchen gebar.

Jette überzeugte sich nochmal, ob das Hüpfspiel auch hübsch gemalt war und verzierte die „Hölle“ noch mit ein paar roten Ziegel- Blutstropfen. In das fach “ Himmel“ kam noch eine dicke, weiße Wolke. Bevor Jette dann zu hüpfen begann, bevor sie sich der eigenen Aufgabe stellte, dachte sie:

„Wenn ich es jetzt schaffe, auf die 10 zu kommen, ohne die anderen Linien zu berühren, dann wird es, wenn ich nach Hause komme, schön sein“.

Mama wird mich anlachen und ohne Sorge sein. Sie wird mich fragen, ob wir zusammen Abendbrot machen sollen. Und vielleicht singen wir dann auch „Ännchen von Tarau“, Mamas Lieblingslied.“ Es war selten, dass Jettes Mutter sorgenfrei war.

Jette schaute kurz auf, blickte die Straßenflucht hinunter: Dort am Ende der Häuserreihe fiel das Licht ein wenig schräg auf die Zaungitter der Vorgärten. Die weiter hinten gelegenen Vorgärten waren bereits am späten Nachmittag vom Schatten der Häuser wie verschluckt.

Wenn man nicht wusste, dass dort geschmiedete Zäune Vorgärten und Häuser zum Gehweg hin abgrenzen, könnte man meinen, die Straße löst sich grau und dunstig in dunkle Luft auf.

Der Stadtteil Hastedt war nahe an der Weser gebaut und gezeichnet durch Reihenhäuser, eng, schmal und hoch gebaut. Alle hatten zwei Eingänge und einen kleinen Vorgarten. Alle Häuser waren in ähnlicher Bauweise erstellt:

Der Haupteingang oben, der Besuchereingang, führte fast ebenerdig über zwei Stufen ins Gebäude und von dort aus direkt durch einen Windfang über den Flur links,- oder, wie beim nebenan gelegenen Haus, spiegelverkehrt rechts, in die Besucherstube.

 Der zweite Eingang führte über eine Treppe nach unten in das Souterrain und man kam in einen ersten, gefliesten Raum, der meist zugleich als Küche, Waschküche und Badezimmer genutzt wurde. So war es jedenfalls in der Einbecker 14, in Jettes Elternhaus.

Es wurde hier an einem Gasherd gekocht, der nah der Badewanne stand und der  zwischen Waschbecken und einem Heißwasserzuber gezwängt war.

Wollte man baden oder Wäsche waschen, so wurde erst noch das Wasser in den Zuber gefüllt und mit Holz und Kohle in Hitze gebracht. Eimerweise schüttete man das heiße Wasser in die Wanne, wo mindestens zwei Personen der Familie gleichzeitig badeten. Man kochte und badete dort. Oft gleichzeitig.

Das roch gut.

Seifenduft und Graupensuppe mit geräucherter Wurst, oft einzig Fleisch in der Woche.

Die Graupensuppe war wunderbar. Es gab ein Rezept, welches heute verloren ist. Die Graupensuppe war die, die der Kater so sehr liebte. Er kam von weit her aus den Gärten, wenn die Graupen in das Wasser geschüttet wurden, saß unter dem Holztisch, gegenüber vom Herd und wartete mit seinen grünen Eulenaugen auf seinen Anteil.

Er saß unter dem alten, fast morschen Tisch mit den gedrechselten Beinen, den man ausziehen und mit Bretteinlagen vergrößern und verlängern konnte. Darunter stand der Korb mit der schmutzigen Wäsche der Familie, denn auch gewaschen wurde in der Badewanne.

Manchmal quoll der Berg der Wäsche unter dem Tisch hervor. Bis man Waschtag machte. Dass Jettes Mutter Anna den Waschtag alleine machte, war selbstverständlich.

Die Wäsche lag manchmal lange dort, weil Anna einfach zu viel als Schneiderin zu tun hatte. Wenn der Wäschekorb zu voll wurde, drückten sich die Textilien an feuchte Wände unter dem Tisch und versteckten unter sich immer wieder graue Asseln und Silberfische. “ In einem Souterrain ist es eben immer etwas feucht“ sagte Jettes Mutter. Auch Schuster krabbelten da herum, mit fadenähnlichen Beinen und  silbrig, gelbgrauen Flügeln.

Sie stakten wie auf Stelzen und kamen aus diesen unergründlichen Wäschetiefen heraus. Ihre Beine schienen sich jedes Mal ineinander zu verheddern, bevor das ganze Insekt sich meist in eine weitere, leicht feuchte Ecke der Waschküche zu fliehen suchte.

Die Asseln konnten sich zu kleinen Kugeln zusammenrollen, wenn man sie anfasste. Und die Schuster sind ungefährlich. Die Asseln und Silberfische auch, sagte man.

„Du musst nur aufpassen, wenn du sie raus setzt, dass ihre langen Beine nicht abreißen“. Sie würden nicht nachwachsen, das wusste Jette. Die kleinen Silberfische fand sie hübsch und fragte sich, ob es tatsächlich Fische sind. Sie hinterließen silbrige Spuren auf den Fingern, wenn man sie zwischen den Fingern entlang gleiten ließ.

Wenn gebadet wurde, sang man manchmal. Alle die in der Wanne saßen und die, die am Herd stand und kochte. Dreistimmig oft. Gefühlte Harmonien, schöne Lieder. „Ännchen von Tarau“- Annas Lied und „die Luft ist blau das Tal ist grün die kleinen Maienglöckchen blühn“ -Alfreds Lied. Meistens saß Jette mit dem Vater in der Wanne, nie mit der Mutter oder den Brüdern.

Der Vater konnte wunderbar im Wasser spielen: Tauchen, Luft anhalten, Wasservögel imitieren, Schwämme zu U-Booten modellieren. „Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde“ hat er in Russland gesungen.

Das erzählte er seiner Tochter. Denn damals, als er fünf Jahre in der Gefangenschaft mitten in Russland war, hat ihm dieses Lied mehr als alles Gold der Welt bedeutet.

Dieses Lied hatte ihm jedes Mal, wenn er es sang, gesagt, dass er wieder nach Hause kommen würde. Und dass die Bäume vor den Häusern, die er kennt, noch immer da stehen würden, wenn er zurück kommt. Genau so würden sie stehen, wie sie vorher hundert Jahre oder länger mit ihrer großen, beständigen Ruhe im Sommer für Schatten und im Herbst für Laubteppiche gesorgt hatten. Nie wieder würde er darüber schimpfen, wenn der Herbst zu viel Laub bringt, welches weg zu machen wäre. Nie mehr würde er erwägen, den Baum zu fällen, sollte er den Fenstern das Licht nehmen, sagte er. Nein, er würde hingehen und dem Baum über seine Rinde streichen und sicherlich ein großes Gefühl der Dankbarkeit empfinden, wie es noch nie ein anderer Mensch im Leben gefühlt hätte.

Wenn er nur wieder aus der Gefangenschaft aus Russland zu diesen Bäumen der Heimat in Bremen zurückkommen könnte.

Sicherlich waren die Häuser in der Heimat, die hinter den Bäumen standen, meistens den Bomben zum Opfer gefallen. Aber die Bäume? nein, das konnte er sich nicht vorstellen, dass auch sie…… er verstummte beim Erzählen und Jette beobachtete, wie ihm die Tränen kamen.

Häuser könne man wieder aufbauen, Stein für Stein, aber so ein Baum? Und wenn es sogar ein über Jahrhunderte gewachsener alter Baum wäre, „das ist nicht mehr gut zu machen, wenn der mal zerstört ist“ sagte Alfred.

Ja, im fernen Russland hatte er sich die Bäume in Bremen immer vor den Augen seiner Erinnerung geholt und ihnen in Gedanken Namen gegeben:

Johannes Linde, Sophia de Birnè, Conchita Kastanie, Hella-Witta Birke und viele andere noch.

Damit bekamen sie Persönlichkeiten angedichtet und wurden fast zu Familienmitgliedern mit richtigen Gesichtern, die auf ihn in Deutschland warteten. „Bäume sind so wichtig für uns“ sagte er zu Jette.

Wenn er in Russland das Lied mit der Linde vor seinem Vaterhaus sang, dann stellte er sich oft auch den Duft der kleinen Blüten von Johannes Linde vor.

Der Baum mit dem Namen „Johannes Linde“,  stand vor seinem Schrebergarten in der Vahr, als dort die Hochhäuser noch nicht gebaut und die Vahr noch nicht in „Neue Vahr“ umbenannt war.

Es waren nur ein paar kurze Tage im Frühling, dass Johannes Linde blühte. Da waren seine Äste über und über wie mit lauter kleinen, gelblich- weißen Sterntrauben aufgefüllt. Fast schien es, sie sind mit Zuckerkristallen bestäubt, plötzlich, fast explosionsartig waren sie da und saßen auf feinen, mit Flaum bedeckten, hellgrünen weichen Bättern. Der Baum bot sie den Bienen verführerisch dar. Und nicht nur der betörende milde süße Duft der Lindenblüten erfüllte dann die frühen Tage des Jahres. Es kamen sofort auch die Bienen. Die ganze Baumkrone von Johannes Linde bebte vor Liebeslust, hervorgerufen von laut summenden Bienenschwärmen, von denen man sich nicht erklären konnte, wo sie so plötzlich hergekommen waren.

Daran dachte Jettes Vater in Russland und erzählte es ihr während ihrer Badestunde unten in der Waschküche.

„In Russland“ sagte er, habe ich das auch von den russischen Bäumen gelernt, beständig zu sein und Stärke zu bewahren, selbst wenn der Wind an einem reißt und man das Gefühl hat, das Leben ginge nicht mehr weiter, weil es jetzt hier zu ende ist“. Und er sagte: „In Russland gibt es es viele Birken“.

Er hätte sich in Russland immer einen Baum gesucht, der stark war, wenn er Heimweh gehabt hätte. „An dem habe ich mich mit den Augen festhalten können“. Er hätte sich dabei vorgestellt, er könne mit den Augen in den Stamm hineingehen und die Jahresringe sehen, sie zählen und so gedanklich bis zur Mitte des Baumes eindringen.

Dort in der Mitte blieb er mit seinen Vorstellungen und mit seinem Heimweh und mit der ganzen Sehnsucht und den Wünschen nach einem Leben mit seinen Kindern und seiner Frau Anna. „Das war dann so, als ob ich selbst dieser Baum bin“. 

Manchmal hätte er das mehrmals am Tag machen müssen, weil er alles, was er erleben musste, dann nicht genau zu sehen brauchte.

„Weil ich ja in der Mitte des Baumes steckte und mit dem Zählen der Jahresringe beschäftigt war…das ganze Kriegsgeschehen kann man nicht ertragen“.

Was ist Kriegsgeschehen? „Töten, Kind. Sterben, Kind. Mord, Zerstörung, totale Vernichtung, das wortlose pure Grauen, für das noch niemand, kein Mensch und kein Gott wirklich Worte gefunden hat, die das ausdrücken können, was Kriegsgeschehen ist“.

„Aber es ist von Menschen gemacht, die keinen Gott haben und die ihr Geld und ihren Reichtum mit der Zerstörung des Göttlichen und des Schöpferischen verdienen. Verstehst Du das, Jeddedeck?“ Nein. Jeddedeck verstand das nicht.

Bäume sind seine Freunde gewesen in Russland. Sie haben ihm das Leben gerettet. Er hätte sie beobachtet und studiert: Wie sie ihre Blätterkronen mit existenzieller Selbstverständlichkeit dem Himmel entgegen hielten. Sie machten den Wolken über ihnen ein Angebot, dass sie, die Wolken doch von ihrem Naschwerk der Blütenpracht im Frühling mal kosten sollen. So war das für Alfred damals in Russland. Zunächst war er als Kriegsgefangener auf der Krim eingesetzt, wo er als Holzfäller arbeiten musste. Das war schlimm. Er hatte dort gesehen, wie die Bäume ihre Äste und Zweige wachsen ließen und ihre Wurzeln fest im Boden verankert hatten. Er hätte sie gerne gerettet und nicht gefällt.

Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde“. Hat er in Russland oft gesungen und die anderen Mitgefangenen hatten ihm zugehört. Alfred konnte sehr schön singen. Das Wort „Vaterhaus“ hatte ein besonderes Gewicht, eine ganz tiefe Bedeutung. Bildhafte Vorstellungen kamen an die Oberfläche. Gleich mehrere Häuser mit Bäumen davor tauchten in der Erinnerung aller auf. Und dann erzählten sie sich davon in in den Baracken, wo sie in russischer Gefangenschaft lebten.

Krieg ist etwas furchtbares, grausam und er hätte nie auf Menschen geschossen, hätte sich bemüht, daneben zu schießen, sagte er.

Aber Russland sei ein schönes Land, lauter Sonnenblumen, deren Kerne man essen konnte. „Alle Russen essen immer Sonnenblumenkerne, dauernd. Und überall, wo sie sind, hinterlassen eine Spur mit kleinen grauen Schalen von Sonnenblumen. Daran kann man erkennen, wo Russen entlang gegangen sind“ sagte er zu Jette. „Erzähl dem Kind nicht so ein Dummzeug, Alfred“, sagte Anna.

Papa, Erzähl mal von der Gefangenschaft“, war der Satz mit dem Jette dem Vater auf den Schoß kletterte. Neben dem heißen Holz- und Kohle-Ofen in der Wohnstube. Abends nach dem Abendbrot erzählte er dem Kind alles.

Fünf Jahre. Erst Krim, Holz fällen, Wassersuppe, kein Brot. Ein Lager aus Baracken und Lautsprecher mit Gong. Stündlich schwoll der Gong durch die Holzwände, hallte nach und verebbte im Boden der Wege und in die tot gestellten Herzen der deutschen Gefangenen, die nicht wussten, ob sie jemals wieder ein Leben in einem Zuhause leben würden können.

Waren sie Schuld? Warum saßen sie hier, mitten in Russland? Kalt war es und es gab Wassersuppe. Die ging durch den Körper, wie sie kam und stank weiter in den Latrinen, nachdem sie durchgelaufen waren.

Die Gefangenen saßen auf den langgestreckt gebauten Latrinen auf Balken, und ließen das Wasser aus dem Darm in die Löcher darunter laufen. Sie waren schwach und manch einer fiel in die Latrine hinein. Wer holte sie da wieder raus? Andere Gefangene? Nur, wenn sie Glück hatten, wurden sie gerettet.

Nie wieder wollte Alfred so etwas erleben. Und die stärksten Kerle sind umgekippt und einfach gestorben. In Schlangen standen die Gefangenen vor dem Tisch, an dem die Ärzte saßen und ihnen eine große Spritze geben werden. Große Kerle sind umgekippt, noch bevor sie eine Injektion erhalten haben.

Einfach so. Jette erschauerte und roch den Gestank der Latrinen. Sie sah auch die kalte Sonne Russlands am Himmel stehen und die weiten Felder, Sonnenblumenfelder, hinter dem Gefangenenlager.

„Am Zaun des Lagers standen manchmal russische Frauen“, sagte Alfred. „Sie reichten den hungernden Männern Brot und Essen durch den Zaun“.

Es wurde den Frauen nicht verboten, die Gefangenen mit Brot zu versorgen und sie wurden auch nicht verfolgt. Eine von ihnen hatte sich in Alfred verliebt und er sich auch etwas in sie.

„Maruschka“ hat er sie genannt und sie brachte ihm oft etwas zu essen, so häufig, wie es ihr möglich war.

„Da“ heißt “ Ja“ auf Russisch. „Dawai, dawai“, sagte Alfred

Jette lauschte den Erzählungen des Vaters und sah in ihrer Fantasie das bunte Kopftuch von Maruschka und den runden Körper. Und sie stellte sich die vollen roten Lippen vor, die der Vater manchmal durch den Maschendraht geküsst hatte. Es wären Dankesküsse gewesen und keine Liebesküsse, betonte er. Anna lachte und sagte: „die gönne ich dir gerne“.

Im Bild vor Jettes Augen trug Maruschka ein wollenes, dickes Kopftuch. Ihr Gesicht lag aber im Schatten. Nur die dicken roten Lippen zeigten sich, schwollen aus der Dunkelheit des Schattens nach vorne und wurden  zu einem runden Kussmund.

Jette stellte sich bildlich vor, wie Maruschka ihre russischen Lippen, weichen Kissen gleich, durch den Zaun hielt, Alfred entgegen. Sie küssten sich. Mitten aus dem Nebel des Schattens heraus formten Maruschkas Lippen danach den Namen des deutschen Gefangenen: Alfred, Alfred., der Bildhauer.

Evakuiert waren sie, Anna, Alfreds Frau in Deutschland. Anna, Klaus und Sweer aus Bremen waren im Schwarzwald. Anna lebte auf dem Rist Simons Hof bei Emmendingen. Sie und ihre Schwester Luise. Auch Alfreds Bruder Leopold war da. Warum er nicht „zum Kommiss“ musste, das weiß keiner,- bis heute nicht….. oder vielleicht doch? Sehr viel Später im Leben von Jette bekam sie eine Antwort von ihrer Cousine Elfriede, die nach Kanada ausgewandert war. Sie schrieb über ihren Vater, Alfreds Bruder Leopold, genannt, “ Polle“. Elfriede schrieb an Jette:

Halloechen, habe gerade gelesen, dass mein Vati nicht im Kommiss gewesen sein soll. Er war in Wilhelmshaven (1942) stationiert, beim Kriegsmarinewerk (unterlag dem Wehrbezirkskommando Oldenburg). Von dort aus „ging er auf Montage‘, das heißt, dass „er als Schlosser und Fraeser“ auf vielen verschiedenen  deutschen Kriegsschiffen arbeitete. Mal brachte es ihn nach Frankreich, mal nach Helgoland, dann wieder nach Wilhelmshaven. Seine letzte Montage ging ins Nordmeer, nördlich von Norwegen, bis fast zum Nordkap. Dann endete der Krieg, die Amerikaner übernahmen das Uboot. Die ganze Besatzung wurde in Norwegen abgesetzt. Dort gab es Gebüsch, Strand und Meerwasser. Einmal im Monat kam ein Frachter mit „Verpflegung“:  Kaugummi und Zigaretten. Leo tauschte seine Zigaretten gegen Kaugummi, ansonsten aß man Wassersuppe mit einer Einlage von Blättern und ausgegrabenen Wurzeln der Büsche, auch Gras wurde gegessen. Leo vertrieb sich die Zeit mit Sport. Bald kam der große Tag, dass die Gefangenen freigelassen wurden. Die Norweger hatten selbst nicht viel zu knabbern, in Amerika hatten sie schon viele Gefangene und auch wenig zu knabbern… So war Leo nur kurz in Gefangenschaft – ca. ein Jahr. (Info: Wehrpass). Als er im Schwarzwald war, hatte er Urlaub. Dort wollte er Anna und Sweer und Klaus besuchen… Oma Horling (seine Mutter) brachte er auch mit“. Soweit der Bericht von Jettes Cousine Elfriede aus Kanada. Die Informationen kommen Stück für Stück zusammen. Wie viel kann eigentlich von einem Leben vergessen werden? Nichts. 

Die Erzählungen des Vaters aus der russischen Gefangenschaft. Jette hörte die täglichen Geräusche des Lagers in Russland so, wie, als ob sie alles selbst erleben würde. Kinder haben keinen Schutz vor Erzählungen oder vor Lebensbeichten. Sie erleben alles. Alles. Und sie können sehen. Anders, als Erwachsene, sehen sie es mit ihrer, ihnen innewohnenden  Wahrhaftigkeit. Sie haben keinen Schutz vor dem Außen und dem Inneren. Ihr Herz klopft immer mit. Da ist bei Kindern keine Grenze zwischen Erzähltem und Erlebtem. Das geht ohne Schranken ineinander über.

Wie eine Spionin verfolgte Jette den Tagesablauf des Vaters in der russischen Gefangenschaft. Ein Tagesablauf, der durch die Geräuschkulisse, der Rufe der Menschen, der Glocke und durch Schreie strukturiert war.

Alfred war Künstler, Bildhauer und konnte plastisch erzählen. Sämtliche Gerüche von der russischen Gefangenschaft ihres Vaters zogen in Annettes Bildwelten ein. Der stündliche Übergriff des Klanges, der vom Gong des Turms vom Lager aus kam. Jede Stunde wurde er angeschlagen. Der Klang, tief und laut, quoll durch die schmalen Laufwege zwischen den Baracken. Er zog seine nicht zu überhörende  Spur durch die Löcher in den Fenstern und Türen der Holzhäuser, in denen die Gefangenen auf übereinander gebauten Holzbetten lagen. Jette roch den Gestank der Latrinen. In ihrer Vorstellung stand sie mit in der langen Reihe der Gefangenen, die zum Lagerarzt gehen mussten, die eine Spritze bekommen sollten und deswegen in Ohnmacht fielen. Junge Kerle, größer als ein Mastbulle und auch diejenigen, die der Vater im Schützengraben gesehen hatte, wie sie auf Kinder und Frauen geschossen haben.

Dass sie vorher gewettet hatten, nach welcher Seite das anvisierte Ziel der Mensch, beim Abschuss fallen würde.

Diese fielen auch in Ohnmacht, wenn sie eine Spritze bekommen sollten.

Hast Du auch auf Menschen geschossen?

Nachts träumte Jette davon, keinen sauberen Platz auf den langen Holzbalken über den ausgeschaufelten Latrinengräben finden zu können, auf das sie sich setzen sollte, beim Toilettengang.

Alle saßen darauf, Gefangener, Gefangener, Gefangener. Reihe in Reihe, nebeneinander. Schamlos, gnadenlos mit allen und vor aller Augen die Notdurft verrichtend. Wer machte die Latrinen sauber? Es wären Dienste, die die Latrinen mit Eimern leerten.

Dann, in der Gefangenschaft auf der Krim, wurden die Fähigkeiten des Vaters als Bildhauer gesehen. Versetzung nach, -Jette weiß es nicht mehr, wohin.

„Der Grund ist die Wassersuppe gewesen, von der ich krank wurde“, sagte Alfred. Es gab nur Wassersuppe, kein Brot. Und das Wasser aus der Suppe sammelte sich im Körper, in seinen Beinen und im Bauch auch. 

Er kam ins Lazarett mit fünfzig anderen Kranken. Ein Feldbett. Und über dem Zeltdach  des Lazaretts der Regen, der den Boden aufweicht unter dem Feldbett. Zum Glück war es lehmhaltiger Boden. Gab es Gott dort? Es war lehmiger Boden und der Vater kratzte den feuchten, verregneten Lehm zusammen.

Figuren wurden modelliert. Eine nach der anderen. Sie säumten das Areal um Alfreds Krankenlager: Das Portrait seiner Frau, mit ihrem Gesicht. Die Köpfe der beiden Söhne. Die Silhouette des Kleinsten, Sweer, der noch klein war und ihn, Alfred, nicht kannte und ihn „Onkel Polle“ nannte, als er damals mal ein paar Tage Urlaub vom Krieg hatte, vor der Gefangenschaft. Der Kleine nannte ihn beim Namen von Alfreds Bruders, der ihm ähnlich sieht.

Frauen und Männer modellierte Alfred. Heldinnen und Helden. Stark, mit festem Blick in die Ferne blickend. Ein Sämann, der Korn auf einen Acker wirft, eine Frau, die Kinder auf ihrem Schoß und um sich herum versammelt. Ein Mann mit Sichel, ein Mann mit Schaufel, eine Frau mit lockigen Haaren. Ein alter Mann, gebeugt, eine alte Frau, verhutzelt. Ein Russe, stark und ein Gefallener auf dem Schoß einer Russin. Wie Jesus auf dem Schoß der Mutter. Pieta. Ideale und Idole und anderes, wichtiges. Wunderbare Tiere, Tiger, schleichend, Bären drohend aufstrebend, Löwinnen ihre Jungen bewachend, ein Pinguin, zwei Pinguine nebeneinander, die Erinnerung an Freunde, deren Gesichter, deren Körperhaltung, deren Fehlen, die Sehnsucht nach Zuhause. Das alles modellierte Alfred , auf dem Feldbett liegend aus dem feuchten Lehmboden unter seinem Lager.

Jette hörte mit großen Ohren und Augen. Männer, echte Riesen, fielen einfach um und waren tot. Junge Männer lachten, während sie eine Gruppe Menschen zusammentreiben und mit den Gewehren erschossen.

„Du auch?“ Nein, er war feige und ein Junger nahm ihm sein Gewehr ab, lachte ihn aus und erledigte das anstatt seiner.

Das Radio war an, während Alfred erzählte. Man hörte Operetten, Opern. Und die Callas sang. Nachrichten. Und gepfiffen wurde: „Die Brücke am Quai“. Das Radio war ein Mitglied der Familie.

„Alfred, das Radio muss auch mal aus sein!“

Der Vater liebte den Hintergrund von Radiogeräuschen. Auf dem Teller lag „Himmel und Erde“ mit einem gebratenen Ei und Zwiebeln in Butter. Himmel waren gekochte Äpfel, Erde waren Kartoffeln, beides zu Mus gestampft.

Fährstrasse

Es war der Durchgang zwischen den Häusern in der Einbecker und der Fährstrasse, den auf beiden Seiten noch immer zwei Schuttplätze von zerbombten Häusern säumten.

Mitten zwischen den beiden Straßen lag ein Restbauernhof, der Milch produzierte mit Kühen, die an Ketten niemals eine Wiese sehen würden. Und ein paar Schweine. Die Kinder kürzten den Weg über den Bauernhof ab, wenn sie zum Einkaufen geschickt wurden. Sie durften das eigentlich nicht und rannten los, wenn sie durch das Tor kamen. Bloß nicht gesehen werden. Aber der Weg durch die Straßen war einfach zu lang. Einbeckerstrasse, Goslarer Strasse, Fährstrasse. Da war der Weg am Stall an den Kühen vorbei, kürzer.

An Schlachttagen schrien sich die Tiere die Seele aus dem Leib. Ganz Hastedt roch nach stinkenden Todesschreien.

Jette hatte es einmal gesehen, vorsichtig von weitem hatte sie sich angeschlichen. Sie sah, wie das Tier, ein großes Schwein, gestochen wurde und die Frauen ihm, im Zuber auf dem Rücken liegend, mit rhythmischem Hin- und Herbewegen der Beine das Blut aus dem Körper pumpten. Schalen voll Blut. Daraus machte man Blutwurst.

Dicke Milch in Schüsseln und ein Holzbrett auf die Schüssel gelegt, gebratene Blutwurst, gebratenes Ei und Zwiebeln standen auf dem Tisch auf der Wachstuchtischdecke im Wohnzimmer. Neben der Wasch- Koch-Küche im Souterrain in Annettes Elternhaus, war es gemütlich und warm. Ein Versammlungs- und Lebe-Raum, in dem gegessen, gelebt und auch gearbeitet wurde.

Mutter war Schneiderin und hatte ihre Tret-Nähmaschine unter dem Fenster stehen. Daneben ging die Tür zum Garten raus. Das Sofa mit der geschwungenen, gepolsterten Lehne und den dicken Armrollen zwängte sich zwischen Nähmaschine und einem Worpsweder Binsen-Sessel neben dem Kohleofen.

Da saß Jette rechts auf der Armlehne und aß gebratene Blutwurst. Das Kind verknüpfte nicht die Nahrung mit dem Tod des Tieres. Reste vom Essen. Die rote Marmelade vom Brot des Bruders, weiße, an der Kanne herabgelaufene Milchtropfen, ein Stückchen braune Zwiebel, Kartoffelmus vom abgegessenen Teller. Alles kreierte Jette zu einem schönen Bild auf der Wachstuchdecke nach dem Essen.

Das Geschirr war noch nicht abgeräumt, stapelte sich am Rand des Tisches auf,- aber Mutter nähte schon wieder.

Es war still und warm und auf der Wachtuchdecke des Tisches entstanden schöne kindliche Bildwelten:

Ein Schiff mit Wellen und mit Fischen. Eine Sonne über dem Wasser. Kleine Schmierfinger, die Blumen auf das Wachstuch schrieben. Das war schön, sanft und friedvoll. Es war freundlich, geborgen.

Als die Tür aufgeht, kommt die Oma Emma, Annas Mutter herein.

Klatsch! Das brannte. Feuer!

Jette bekam einen Schlag von der Mutter. Anna war extra dafür von ihrer Nähmaschine aufgestanden und schlug dem Kind mit der Hand ins Gesicht. Die Oma durchquerte das Zimmer und ging nach hinten in den Garten.

Sie sagte nichts.

Sie hat das immer mal mit dir gemacht“, sagt Elfriede, Annettes Cousine 60 Jahre später bei einer der Videokonferenzen von Deutschland nach Kanada.

Da brauchte Oma Emma nur an Deiner Mutter vorbei gehen und ihr mit den Augen drohen, dass Du wieder auf der Tischdecke mit Essensresten auf der Tischdecke malst. Dann stand Tante Anna auf und schlug dir ins Gesicht“.

Das Kind verstand den plötzlichen Schlag nicht.

„ Du schlägst das Kind zu viel, Anna“ sagte Alfred zu seiner Frau.

„ Nein, das tue ich nicht!“, sagte Anna. Aber ab da wurden die Schläge in Jettes Gesicht weniger. Statt dessen rüttelte die Mutter an ihrem Pferdezopf, hinten am Hinterkopf.

Auch das tat weh. Und es durfte Jette nichts passieren.,- keine Tasse durfte umfallen oder sogar etwas vom Tisch herunter. Oder, wenn sie etwas falsches sagte. Dann gab es etwas zu rütteln.

Das Kind wusste nicht, was plötzlich die Ohrfeige ausgelöst hatte oder das Rütteln an ihrem Haarzopf. Es wurde ihm auch das nicht gesagt. Durfte es nicht malen? Durfte es NICHT malen?

War Malen böse?

Man sprach generell nicht miteinander, die Oma Emma und ihre Tochter Anna. Die Jüngste von drei Töchtern. Und die Jette, noch im Alter von 42 Jahren, nach dem Krieg und nach der Heimkehr ihres Mannes aus der Kriegsgefangenschaft, gebären wollte.

Das sei Hurerei, bestimmte die Oma und Tante Luise, die mittlere Schwester von Anna Das Kind sollte weggemacht werden. Adressen einer Engelmacherin wurden an Anna ausgegeben. Jette sollte nicht geboren werden. Das hatte Omas Tochter, Jettes  Mutter nicht angenommen. Still hat sie die Zettel mit den Adressen in den Ofen gesteckt und verbrannt. Sie blieb schwanger.

Der Bildhauer taucht nichts“ sagte die Oma. Wer kann schon mit Bildhauerei Geld verdienen?

Ja, aber, Alfred hatte doch noch vorm Krieg mit Otto Modersohn ausgestellt und Fritz Mackensen war Gast im Haus. Und Alfred war der Vorsitzende des Bremer Künstlerbundes. 

Lottomittel trieb Alfred ein und verteilte sie an notleidende Kollegen.

Und er steckte sein Heimkehrer-Geld in den Wiederaufbau des kleinen Reihenhauses mit den zwei Eingängen in der Einbeckerstraße 14.

Opa Heinrich und er, Alfred, bauten es wieder auf. Opa Heinrich Hillmann, Annas Vater und Oma Emmas Ehemann, er streichelte dem blonden Kind  über den Kopf, wann immer sie sich begegneten. Der liebe Opa, stumm, streichelnd und tatenlos, der dem Kind über den weichen blonden Kopf streichelte und nichts zu sagen hatte, bei Oma und ihrer Tochter Luise Meerkamp.

Dafür ging er regelmäßig zu den Versammlungen der Zeugen Jehovas, bis er an Blasenkrebs starb.

Ein Postbeamter kann nicht immer auf Toilette gehen, deshalb musste er sterben, deshalb hat er Blasenkrebs bekommen“, sagte die Mutter. Jette behielt von ihm ein gutes Bild von einem schönen klugen Gesicht und das Gefühl der streichelnden Hand auf dem Kinderkopf.

Hinten im Garten wurde das Bildhaueratelier von Alfred  ins Gartenhaus gebaut. Dort stellte der Vater alle seine Figuren hinein, die den Krieg überstanden hatten. Aus der Hochschule noch, aus seiner Studienzeit, wo sie etwas sicherer die Bomben überlebten. So lange konnte das ja noch nicht her sein? Er war 45 Jahre alt, als Jette in die Familie geboren wurde.

Große Figuren, unwirkliche und dunkle starke Menschenideale. Große Gesten, feste Blicke, wehende kurze Haare. Aus Gips. Gips für Bronze. Wie Bronze bemalt. Das „Mädchen mit der Taube“ stand in der guten Stube oben. Und da auch, auf dem Bücherregal, schon ein paar kleine, echte Bronzen. Bronzene Figuren, die, vom Heimkehrergeld abgezweigt, bezahlt waren. Und viele Bilder. Worpsweder Bilder. Bilder von Bremer und Worpsweder Malern und Malerinnen aus dem Künstlerbund. Man traf sich oft im Kreise des Künstlerbunds und tauschte seine Arbeiten aus. Nach dem Krieg begann der Verkauf von Kunstwerken  nur langsam und schwierig. War es nicht schon immer schwierig, Kunst zu verkaufen und von Kunst leben zu können? Es gibt stets einen Grund, Kunst nicht kaufen zu müssen. Es ist immer die Zeit schuld, wenn Kunst verkommt, oder schlimmer noch, wenn sie erst gar nicht produziert wird. Kunst darf mit den Häusern abgerissen, mit den Dachböden entrümpelt und mit den Schwachen einer Gesellschaft misshandelt werden. Immer aber ist die Zeit daran einfach schuld.

Es war ein „Schlag gute Butter“, immer ein ein Muss in den Küchen der Frauen. In dieser Zeit gab es nur Frauenküchen,- keine Männerküchen.

Die kleine Jette hatte sich über die Negerpuppe aus Amerika, die Annas älteste Schwester Dodo Petersen aus Kalifornien mitgeschickt hatte, sehr gefreut. Man hatte das Püppchen „Leila“ getauft.

Jettes Mutter hatte die Puppe aus dem Paket von Tante Dodo aus Kalifornien ausgepackt, auf den Schoß genommen und die Tochter gefragt: „Nun, Jette, wie soll sie denn heißen?“ Jette wusste keine Negernamen. „Wie heißen Neger denn?“, „na zum Beispiel Leila“ schlug Jettes Mutter vor.

Anna schrieb in ihrem Dankesbrief an ihre Schwester Dodo nach Kalifornien, dass die schöne Negerpuppe „Leila“ dem Jettchen beim Spielen gestohlen wurde.

Jette hätte sie zum Schlafen hinter ein Rad von angelehnten Fahrrädern gelegt, vorne, vor dem Vorgarten. Ein imaginäres Puppenschlafzimmer hätte sie  gebaut, mit Blättern und Stöcken.

Mit Blättern wäre Leila zugedeckt gewesen. Jette sei leise zum Essen gegangen, um ihre Puppe nicht aufzuwecken. Danach war Leila weg. Große Trauer bei Jette. Und gerade diese! Negerpuppe aus Amerika. So ein Verlust! Jettchen sei untröstlich. .

Sicherlich gehörte die „Negerpuppe“ zum neuen Erziehungsmodell in Deutschland, man musste ja mal offen gegen diese rassistischen Vorurteile Farbe bekennen.

Schwarze, schokoladenbraune Farbe hatte das der Kunststoff aus Amerika, aus dem das Püppchen gemacht war. Und er hatte einen besonderen Kunststoffgeruch- so etwas, wie Parfüm, oder ähnlich. So roch also Amerika!

Und es ging in diesem neuen Lebensabschnitt  der Deutschen auch wieder  darum, sich, über Negerpuppen im Kinderzimmer offen für tolerantes Verhalten gegenüber anderen Menschenrassen zu bekennen. Nach so einer Zeit!

Eine Negerpuppe war also sehr begehrt.

Negerpuppen gab es noch nicht allzu viele und nicht in ausreichender Menge in den Angeboten von Wieglein, dem zentralen Spielwarengeschäft in der Innenstadt von Bremen. Also war wohl jemand hocherfreut, die schlafende Leila mit zu sich nach Hause nehmen zu können.

 Jette war untröstlich“, schrieb Anna an ihre große Schwester Dodo in Kalifornien. Aber eines hätte der Umgang mit Leila schon geschafft, Jette höre gerne den “Tirolerhut“von Billy Mo. Sie empfinde tiefes Mitleid mit ihm, weil der arme ein Neger sei und es in dieser Nachkriegszeit für Menschen mit schwarzer Hautfarbe nicht einfach sein könne, das wusste man ja. Später würde Anna mit Jette zusammen das Buch „Onkel Toms Hütte“ lesen. Aber jetzt ist Jette noch zu jung dazu.

Bedeutungsvolles Kopfwiegen beim Briefeschreiben. Und Jettes Mutter dachte dabei, „ein Glück, dass meine große Schwester damals mit einem weißen und nicht mit einem schwarzen GI etwas angefangen hatte“.

Was hätte das gegeben!“ Aber das sagte sie nur zu Alfred, wenn sie alleine waren. Jette war ja noch zu klein, um das zu begreifen, was sie damit meinte.

Aber das stimmte nicht. Jette begriff das wohl sehr gut. „Der, den Dodo sich dann ausgesucht hat, der hat sie dann ja auch geheiratet und mit nach Kalifornien genommen. Was Dodo für ein Glück hatte!“

Alfred meinte, es ist aber auch typisch für Amerika. Die nehmen, was sie kriegen können. Dieses Land schluckt alles „und dann schwappen die ihre Kultur, besonders diese Jazzmusik, ohne wenn und aber, rüber zu uns“. Alfred schlussfolgerte: „Bald werden die auch ihre dicken und breiten Autos hier verkaufen. Dafür sind die Straßen aber zu eng in Deutschland. Na, mal sehen, was noch alles kommt“.

Aber ihre Gefangenen hätten die Amis gut behandelt und sie wären auch lieb zu den Kindern gewesen, hätten ihnen Schokolade geschenkt und den Mädels Kaffee, Zigaretten und Nylons. Anders, als die Russen, die hätten vergewaltigt.

„Dodo hatten die Amis auch schon früh übernommen, das war ihr, Dodos, Glück!“ Dodo wäre bei ihrem ersten Heimatbesuch bereits zur Amerikanerin assimiliert, behauptete Alfred gegenüber seiner Frau. Und: Dodo, die große Schwester von Jettes  Mutter, besuche den Rest ihrer zurückgebliebenen Familie in Deutschland als ihre ganz persönliche Besatzungszone. Sie träte als echte Deutschamerikanerin auf und beschwere sich beim Spaziergang über die Straßenverhältnisse.

Es war alles nass geregnet und man musste über Pfützen hüpfen, die sich im Sandweg gebildet hatten. Dass man mir solche Wege als Amerikanerin zumutet“, hätte Dodo gesagt. Anna fand das unmöglich, sagte aber nichts, erzählte es später erst ihrem Mann und aber der ganzen Familie. 

In den Nachrichten konnte man lesen, dass in Bremen inzwischen das „hundertste Negerbaby, natürlich ein Besatzungskind“, geboren worden ist.

Und es war zu lesen: „Neger adoptieren Mischlingskinder aus der Stadt“. Die Bremer Nachrichten berichtete über die Debatte, ob man für die Mischlingskinder, die „ Brown Babies, eine extra Schulklasse bilden solle oder ob Weiß und Braun nebeneinander auf der Schulbank sitzen sollten. Ungeschrieben in der Stadt, aber doch heimlich gedacht und hinter vorgehaltener Hand manchmal geäußert von den Lesern, die das gelesen hatten: „Aber nicht ungefährlich, stammten sie doch von Ami-Huren, die sich mit Negern eingelassen haben“. Es waren auch Leser darunter, die in der Einbecker wohnten.

Das könnte später charakterlich Probleme geben mit den braunen Babies. Frau Wiedemann, die schräg gegenüber von der Einbecker 14 wohnte, hatte auch den Peter adoptiert.

Der war zwar weiß, aber auch so ein Kriegskind, von dem man die Eltern nicht kannte.

Nun hatte sie, Frau Wiedemann, den Salat:

Peter säße schon das zweite Mal im Gefängnis.

Süß waren die kleinen Schokoladenbabys ja und es macht keinen Unterschied, ob jemand eine weiße, gelbe, rote oder schwarze Hautfarbe hat. „Sind ja alles auch Menschen“, sagte Anna.

Alfred modellierte einen Negerkopf mit den typischen Rassemerkmalen. Die Anatomie des Kopfes, alles stark horizontal angelegt: Hohe Wangenknochen,  volle dicke Lippen und eine breite, gedrückte Nase mit weiten Nasenlöchern.  Kurze Kräuselhaare angedeutet, mit starken Geheimratsecken. Alfred liebte hohe Stirne und weit nach hinten angelegte Haaransätze.

Er, Alfred, hatte auch welche. „Ein Zeichen von Empathie und Geist“, meinte er. „Und ein weiser Geist kann auch in einem Neger wohnen“. 

„Sie lachen wunderbar mit ihren weißen Zähnen. Alle ihre Handflächen und die Fußsohlen sind auch weiß, aber alles andere ist schwarz. Schwarz“. Und endlich „dürfen wir Künstler das zeigen, wie klassisch schön und wertvoll solche schwarzen Menschen sein können. Es ist nicht mehr verboten, diesen Rassemenschen auch künstlerisch eine gewisse Würde zu verleihen“.

Ein Ideal war der Kopf, die Büste eines Schwarzen, den Alfred modellierte und die Figur bekam, „Gips für Bronze“, im Wohnzimmer ihren Platz neben dem Portrait eines jungen Mädchens (ohne Modell, ausgedacht) und dem lebensgroßen Mädchen mit der Taube. Alle in: „Gips für Bronze“.

So war das mit der neuen Freiheit. „Mit Politik wollen wir nichts mehr zu tun haben“. Man durfte jetzt auch wieder ungestraft das verboten gewesene idealisieren und sich mit diesem Gedanken auch zeigen. 

„Man ist ja kein Unmensch. Im Krieg hat man auch mal ein Brot verloren, man sei vor einem Juden auf dem Trottoir vorausgegangen und dann hat man sein Brot verloren“.

Nein, schwarze Musik, z. B. Louis Armstrong, hörten sie nicht. Da hing immer auch verruchte Sexualität mit im Raum, wenn der im Radio käme.

Alfred verzog das Gesicht, wenn sie Jazz im Radio spielten.

Klaus, sein ältester Sohn, hörte heimlich Jazz und er traf sich mit anderen, wo sie Jazz spielten. Er hatte eine e Stimme, eine schwarze Stimme, und er konnte Louis Armstrong so nach.

Das gibt sich aber, sagt Alfred“, schreibt Anna an Dodo nach Kalifornien, „weil Klaus gerade in die Lehre gekommen ist und Orgelbauer wird“.

Nur gab es Probleme mit dem Lehrherrn. Der hatte schon mal gesagt, dass Klaus dumm wäre und er ihn vielleicht nicht weiter ausbilden könnte. Klaus hätte die Intelligenz eines Sonderschülers.

Man war empört! So ein begabter Sohn, wie Klaus war. Was für ein Lehrherr! Sie, Anna und Alfred waren darauf hin zu dem Lehrherrn gegangen. Da wollte der Lehrherr es nochmal mit Klaus probieren.

Das funktionierte aber auch nicht.

Jettes großer Bruder, Klaus, kam nach Hause und war unglücklich, weil sein Lehrherr „seine Persönlichkeit nicht verstanden hatte, nicht gesehen hatte, wie er war und welche Begabungen in ihm schlummerten. Ein Lehrherr muss das können!“

Wahrscheinlich musste Klaus etwas anderes lernen, nur was? Schließlich war er schon 19 Jahre alt.

Musiker wäre das richtige“ schreibt Anna an Dodo.

Er ist musikalisch“. Sie schreibt, dass übrigens beide Söhne musikalisch seien. Die könnten zwar keine Blume und auch kein Reh zeichnen, anders, als die kleine Jette, die jetzt schon dauernd alles bemalen würde. Also sind sie nicht die Söhne des Bildhauervaters, Haha,- aber sie hätten ihre Künstlerschaft in der Musikalität. Das ist sicher!

Jettes Bruder Swen geht jetzt in die Waldorfschule nach Ottersberg. „Nein, ein Überflieger ist er nicht“, sagt Anna, „aber er hat Lesen und Schreiben gelernt und eins und eins kann er auch zusammenzählen“.

Swen fährt mit dem Vater im Bus nach Ottersberg. Alfred hat eine Stelle als Lehrer dort in der Waldorfschule. Er unterrichtet Werken. Dafür hat er sein sein ganzes Holzschnitzer-Werkzeug der Schule und den Kindern zur Verfügung gestellt, weil nach dem Krieg nichts da ist und damit die Schüler arbeiten können. 

Das wurde ihm schwer gedankt. Nach und nach ist ihm alles gestohlen worden. Kein Werkzeug mehr da. Lauter Waldorf-Diebstähle.

Man kann da aber auch nichts verdienen und Alfred soll lieber wieder anfangen, seine Kunst zu machen“ sagt Jettes Mutter. Sie wolle ihrem Mann den Rücken frei halten, damit er wieder anfangen kann, als Künstler zu arbeiten da hinten in seinem neuen Atelier, hinten im Garten.

Sie schreibt an ihre Schwester in Amerika: „Wenn Du das nächste Mal nach Deutschland kommst, würdest Du staunen, was wir hier alles geschafft haben“.

Aber erst noch wollte Oma Emma Hillmann, nach Kalifornien fliegen, um ihre Tochter Dodo zu besuchen. Oma wird ein ganzes Jahr in Amerika, in Kalifornien bleiben.

Mit einem Düsenflugzeug wird sie fliegen und sie ist doch schon über Siebzig.

Hoffentlich geht das “, sagte Anna zu Alfred und: „den Kanarienvogel füttern wir schon. Der ist das ja gewöhnt, dass er alleine ist“

Jette wusste das, weil Oma sowieso immer nur den ganzen Tag bei Tante Liese in der Bodenwerder ist. Der kleine gelbe Kanarienvogel steht Tag für Tag in seinem Käfig auf Omas Tisch in ihrem Zimmer. Er singt und trällert sich seine Einsamkeit zurecht. Jette hörte das in ihrem Dachzimmer nebenan. Niemand hat an den Vogel gedacht. Seine Einsamkeit war völlig normal. Denkt jemand an die Einsamkeit eines kleinen Vogels in einem Käfig in einer Dachkammer eines kleinen Reihenhauses in Bremen? Er ist der Besitz eine alten, vergrämten Frau, die nie da ist. Sein Herz schlägt trotzdem regelmäßig weiter. Und er singt. In der Hoffnung, dass irgend jemand ihn hört?  

Morgens ging Oma Emma hin zu Tante Liese in die Bodenwerder Straße und abends zum Schlafen in die Einbecker 14 zurück. Sie gab dem Vogel ein paar Körner und etwas von ihrem geriebenen Apfel ab.

Bei Tante Liese hängt ein Heidebild im Wohnzimmer. Darauf ist ein Weg zu sehen, der an einer Birke vorbei geht und in rote Heidefelder mündet. Da steht auch ein brüllender Hirsch im Morgenlicht.

Ein Nazi-Bild“ sagte Jettes Vater.                                                                    Irgend etwas geht da vor sich, bei Oma und Tante Liese und man weiß nicht genau was.

Jettes Mutter hat ein mulmiges Gefühl, auch, weil „Mudder“ wie Oma Emma genannt wird, nicht mit ihr und Alfred spricht.

Neulich ist Oma ins Atelier von Alfred hinter gegangen, hat sich da hingestellt die Arme in die Hüften gestemmt, auf die Figuren geguckt und mit dem Kopf geschüttelt. Danach ist sie wieder zu Tante Liese und Kalli Meerkamp in die Bodenwerder gegangen.

Meine Schwester Anna hat goldene Finger, die näht sich die Finger wund, um die Familie zu ernähren“, sagte Tante Liese zu gemeinsamen Bekannten, die das Jettes Eltern prompt wiedererzählen. Sie sagte auch: „ Annas Mann, Alfred, ist ein fauler Hund, der nicht arbeiten geht.“

Das wurde bei den Mahlzeiten der Familie erörtert.

Die Fehde

Alfred, der „faule Hund legt sich in jeden Suppenlöffel hinein und spießt sich auf jede Zinke einer Gabel, alles,was er kriegen kann“, sagt Tante Liese.

Jettes Vater ist gedrückt und schweigt und schluckt. Nur manchmal sagt er: „das macht der – faule Hund- ja doch nicht…“ und: „was wird der – faule Hund- dazu sagen und : „willst du das von einem – faulen Hund- hören?“.

Jettes Mutter ist empört und steht zu ihrem Mann. „Du bist kein fauler Hund“ sagt sie, „Du musst dich erst mal als Künstler wieder durchsetzen. Das ist nach dem Krieg für alle schwer, das siehst du doch an den anderen im Künstlerbund“. „Die Meerkamps sind Verbrecher“ sagt Alfred.

Man munkelt, dass damals in Delmenhorst ein Raubmord passiert ist, an dem ein „Meerkamp“ beteiligt gewesen war. Aber darüber darf man nicht sprechen. „Aber ein Mord in Delmenhorst ist da passiert. Ein Raubmord“. Man sitzt am Tisch und nickt.“ Ja, und der Mord ist bis heute nicht aufgeklärt worden“.

Bevor Oma aber nach Amerika fliegt, will sie noch wieder nach Wernigerode zu ihrer Schwester, die dort lebt und die nicht raus kann aus der Sowjetzone.

Jettes Mutter näht ihr wieder, wie letztes Mal, eine Tasche ins Unterhemd. Darin,  zwischen den großen alten Brüsten, nimmt Oma Emma noch zusätzliches Westgeld mit. Die Grenzer werden ja wohl einer alten Frau nicht dahin fassen.

Oma steht schweigend in der Stube neben der Nähmaschine und Jettes Mutter hilft ihr, das Hemd mit dem eingenähten West-Geld anzuziehen. Das Fach mit den Geldscheinen verschwindet zwischen ihren großen Brüsten. Es ist totenstill in der Stube. Man schweigt sich wieder an. Jettes Mutter nestelt gedrückt und mit gebeugtem Kopf am Ostzonenhemd für ihre Mutter herum. Mit ein paar Stichen und einem kurzen Faden verschließt sie die Tasche mit dem Packen Geldscheinen im Hemd. Auch jetzt wird nicht gesprochen.

Jette möchte, dass Oma sie noch einmal, wie ganz früher, auf ihrem Fuß wippt.    Anna hat ihrer Mutter einen Tee gekocht und Oma setzt sich tatsächlich auf den Worpsweder Sessel, der neben dem Kohleofen an der warmen Ofenwand steht und in dem die Katze sonst immer liegt. 

Oma Emma sitzt da und überprüft die Sicherheit der Naht am Geldversteck im Ostzonenhemd. Sie hat die Beine übereinander geschlagen. Jette klettert auf ihren Fuß und sie wippt das Kind. 

Der Fuß der Oma ist jetzt wie ein Sattel, der auf einem Pferd liegt. Sie öffnet den Mund und singt: „Hoppe Hoppe Reiter und wenn er fällt, dann schreit er“. Jette ist vergnügt.

Alfred, der „faule Hund“ ist nicht zu sehen. Anna geht in die Küche, um Milch und Zucker für den Tee ihrer Mutter zu holen. Oma hört auf zu singen. Jette schaut ihrer Oma ins Gesicht. Das war so schön, dass Oma gesungen und sie auf den Fuß zum Reiten genommen hat. Warum ist das so schlecht mit Oma und ihrem Papa? Mit ihrem lieben Papa?

Oma, warum hast du zu Papa „fauler Hund“ gesagt“? 

Als Anna mit Milch und Zucker für den Tee ihrer Mutter zurück kommt, hat Oma das Kind aus dem Sattel geworfen und ist aufgestanden. Nä, Anna, ich will deinen Tee nicht, du Hure“ sagt sie zu ihrer Tochter.

Entweder ist Alfred gerade oben der Stube oder in seinem Atelier oder er trifft sich mit dem Künstlerbund. Das Kind weiß es gerade auch nicht. Aber es sieht ein gebrochenes Paradies im Gesicht der Mutter. Kommt da wieder für Jette eine Ohrfeige? 

Nein! Anna wirft laut weinend die volle Teetasse in die Ecke der Stube. Jette weint auch und läuft die Treppe hoch in die große Stube, in der sie ihren Vater sucht. Dort ist er aber nicht. Auf der Anrichte steht eine Schüssel mit eingelegten Feigen. Die sind nass, aufgequollen und dick. Jette stopft sich eine Menge von den Feigen auf einmal in den Mund. 

Der süße Saft vermischt sich mit den salzigen Tränen. Fast ist die Menge der Feigen zu mächtig zum Schlucken für den kleinen Hals. Und der Mund ist bis zum Hals hin voll davon. Die kleinen Milchzähne versuchen die sandigen Körner der Feigensamen zu zerbeißen, was aber nicht bei allen gelingt. 

Es sind zu viele. Kauend und schluckend weint Jette. Sie ist jetzt genau so einsam wie der kleine gelbe Vogel im Zimmer ihrer Oma. Der singt. Jette weint. Den Teppich unter ihren Füßen spürt sie nicht und auch nicht den Rand mit den Fransen, wo der Holzfußboden beginnt. Sie geht in der großen Stube auf und ab. Im Kreis. Mit viel zu vielen weichen, körnigen Feigen im Mund. Die kann sie kaum schlucken.

Klaus hat seine Lehre bei dem Klavierbauer abgebrochen. Er studiert jetzt in der Musikschule Oboe. Es ist zwar etwas spät, jetzt noch mit einem neuen Instrument anzufangen, Klaus ist nun ja  inzwischen schon 19 Jahre alt, aber er lernt schnell und ist sehr musikalisch. Das klappt und er würde ein guter Oboist für ein Orchester werden, sagen seine Lehrer“ schreibt Anna an ihre Schwester Dodo nach Kalifornien.

Klaus ist heimlich in die kommunistische Partei eingetreten. Da hat sein Vater, Alfred, ihm aber den Spruch mit den „Füßen unter seinem Esstisch“ gesagt: „solange die noch darunter stecken, kannst du nicht tun und lassen, was du willst!“

Es gab Krach zwischen Jettes Vater und seinem ältesten Sohn Klaus. Jettes Bruder Klaus trat damit wieder bei den Kommunisten aus, bei denen er, ohne zu fragen, eingetreten war.

Mehr aus Protest gegen seinen Vater, als aus politischer Überzeugung, liebäugelte er mit der Partei. Doch auch die Erfahrungen aus seiner Kindheit und seiner Jugend, die durch den Nationalsozialismus und Krieg geprägt waren, gaben ihm den Impuls dazu. Er wollte endlich frei sein. Frei denken und frei sprechen. Jeder Brief, der während der letzten Kriegsjahre aus Russland kam, den der Vatergeschickt hate aus der Gefangenschaft, war gespickt mit den Rufen Alfreds, ihm Verpflichtungen aufzuerlegen, Er solle „an Vaters statt“ für die Familie da sein. „ Mein großer Klaus, mein lieber großer Junge“,schrieb Alfred, „ dass Du ja die Verantwortung übernimmst und die Mami gut unterstützt und auf Deinen kleinen Bruder aufpasst!“ Frei sein, das heißt, keine Verpflichtungen zu haben, seine Kindheit auch nochmal nachleben zu dürfen und das tun, was man selbst für richtig hält, auch, wenn es sich später als falsch erweisen könnte. „Keiner ist immer richtig und jeder sollte seine eigene Freiheit austesten dürfen“ sagte er zu seinem Vater, denn „schließlich stellt sich auch alles jetzt als Lüge und Verbrechen heraus, jetzt, wo der Krieg vorbei ist“. Die Ideologie,die man ihm in seiner Kindheit ständig versuchte, nahe zu bringen und ihm einzutrichtern, hätte er satt und er wolle politisch e Freiheit haben.

Zum Glück hatte Klaus in den Kriegszeiten ein freies Bauernleben während der Evakuierung im Schwarzwald. Und seinem, vom Vater mit den Briefen und auf Feldpostkarten angedientem Auftrag des verantwortlichen Dienst der Stellvertretung als Oberhaupt der kleinen Familie, bestehend aus seinem kleinen Bruder Swen und seiner Mutter, nahm er wahr: „Mittags z. B, bin ich kurz in den Wald gegangen und habe körbeweise Pfifferlinge geholt“. Wir hatten zu essen und das nicht zu knapp“.

Die schwarzwälder Bauern waren großzügig mit den städtischen Frauen und ihren Kindern, die bei ihnen einquartiert waren.

Klaus ist wieder aus der kommunistischen Partei ausgetreten“, schreibt Anna. Sie hatte lange darüber nachgedacht, ob sie das ihrer großen Schwester überhaupt schreiben kann? Den Eintritt des ältesten Sohnes in eine linken Partei? Weiß man doch, wie die Amerikaner darüber denken! Da gab es sogar Prozesse! Auswanderer mussten beweisen, dass sie keine Kommunisten sind Aber Klaus ist ja wieder ausgetreten! Da kann man das jetzt verantworten und sich äußern. ,- „So stellt sich doch eher die richtige, parteiliche Anpassung ein, liebe Dodo, nämlich nix. Nix! Keine Politik!“ Und: „ Das weiß man ja, schreibt sie, “dass die Jugend manchmal Fehler macht“.

Sicher ist: „Mit Politik will man ja nun wirklich nichts mehr zu tun haben! Politik ist furchtbar! Das musst Du zugeben, Dodo! Das ist normal, dass ein junger Mensch sich ausprobiert“ und er, Klaus, solle auch seine Freiheit habe. „Für seine Entwicklung ist das gut“, schreibt Anna nach Kaliforniien weiter.

Man würde in der Jugend mitgerissen von allem und bekommt schließlich doch ein eigenes Gedankengut. „Das kommt dann, so ganz von alleine“.

Es kamen später Briefe aus Kalifornien. In dünnem leichten, fast durchsichtig blauem Papier. Luftpost. Das Papier muss sehr leicht sein, weil jedes Gramm, welches man mit dem Flugzeug mitschickt, Geld kostet.

Das kalifornische Luftpostpapier roch auch sehr stark nach Amerika.                  Es waren kleine amerikanische Flaggen an den Seiten und bei der Briefmarke aufgedruckt. Jette rieb das dünne Blatt zwischen ihren Fingern. Es war außergewöhnlich reizvoll, es zu bemalen oder mit dem Kugelschreiber zu bekritzeln. Nur, das Papier riss leicht und so eignete es sich nicht dafür.                Das deutsche Luftpostpapier war da schon etwas besser zu bearbeiten. Auch da waren Flaggen an den Seiten. Deutsche Flaggen. Tante Dodo aus Kalifornien schickte mit der nächsten Luftpost sogar ein kleines Päckchen mit. Darin war ein Guckapparat. Man konnte kleine runde Pappscheiben einlegen. In den Pappscheiben waren kleine Dias eingebaut. Mit Klicken konnten sie weiter gedreht werden. Schaute man durch die beiden okularähnliche Schauröhren und hielt man den Kasten auch gut ins Licht, entfaltete sich in dem Kasten eine Präsentation von amerikanischen Landschaften, vielfarbig und ungeheuer realistisch. Fremde Blumen, überdimensionale, riesige Bäume und Sonnenuntergänge an den Küsten. Es gab mehrere runde Pappscheiben zum Auswechseln. Man konnte auf diese Weise nach Amerika reisen und das Land kennenlernen. 

Das war erstaunlich. Sogar war auch eine Scheibe aus New York dabei. Es war also möglich, mit den Augen mitten durch diese große amerikanische Stadt zu spazieren und den Menschen, die auf den Dias abgebildet waren, in Gesicht zu gucken. Das war toll! Dieser Kasten war eine Attraktion für alle hiergebliebenen Familienmitglieder in Deutschland. Er wurde herum gereicht und auch weiter verliehen. In den philosophischen Diskussionsrunden bei Heinerle Schriever in der Manteufelstrasse, man traf sich da einmal im Monat an einem Freitagabend, konnten sich die Amerika-Kenner profilieren. 

Die drei „Peheiros“, Peter, Heinz und Rolf, waren auch dabei und man sprach sich für die Erneuerung der populären Musik aus. Natürlich ohne amerikanische Beeinflussung, man musste sich im Deutschen erstmal wieder finden. Trotzdem, Jazz ist jetzt Allgemeingut und nicht mehr kulturell allein ein amerikanisches Alleinerbe.

Die Diskussionen gingen hoch her und Heinerle Schriever war in seinem Element als mächtiger Meinungsbildner. Politisch müsse sich der Bremer Künstlerbund neuen Strömungen öffnen und auch Künstler aufnehmen, die kein Studium nachweisen können.

Wir wollen keinen Kitsch haben“ sagt Alfred. 

„ Aber Deinen Nazi- Kitsch schon?“ .

Schuttplätze

Die Einbeckerstraße liegt noch heute in der Form eines gebogenen Ellenbogens wie eingeklemmt zwischen der Alfelder- und Goslarerstraße in Bremen-Hastedt.

Heute hat diese kleine Straße die Funktion einer Einbahnstraße, die man nur von der Goslarerstraße aus einfahren kann. In der fünfziger Jahren war sie von beiden Seiten aus zu befahren. Da zu der Zeit nicht all zu viele Autos unterwegs waren, hatte die Straße die Bekanntheit einer beliebten und von sämtlichen Kindern des Viertels benutzten und belebten Spielstraße.

Auch die Hunde und Katzen aus den Häusern waren oft auf ihr unterwegs. Es schien, als wüssten sie, dass sie kaum vom Straßenverkehr gestört werden würden. Manche Katzen lagen in der Sonne mit der Lässigkeit von Savannenlöwen zu mehreren im Rudel mitten auf dem warmen Asphalt. Nur ab und zu mal aufgescheucht von diesem oder jenem Hund. Familienhunde, die sich vor ihren Häusern oder in den Vorgärten platzierten und sich langweilten. Es war dann ein Spaß, die Katzen zu scheuchen.

Ungefähr in der Mitte macht die Einbeckerstraße einen großen Bogen, etwa im Winkel von 35° Grad.

Direkt in der Beuge der Biegung lagen zwei übrig gebliebene Schuttplätze von zerbombten Häusern, welche noch lange nicht wieder aufgebaut wurden. Zwecklos waren sie aber wahrhaftig nicht. Denn sie waren die grandiosen Spielplätze der Kinder des Viertels. Auch wegen dieser Schuttplätze, heute würde man sie „Abenteuerspielplätze“ nennen, war die Einbeckerstraße ein beliebter Begegnungsraum der Kinder.

Die Schuttplätze lagen einander direkt gegenüber. Auf einer Seite bestand der Platz aus einer großen Halde mit vielen Mauersteinen aus rotem Ziegel, Klinkern und weißen, bröseligen Reststücken von Kalkmauersteinen.

Man fand unter dem Schutt diverse Dinge. Küchengeschirre und Löffel zum Beispiel. Oder auch anderes. Jette fand Bonbons und Tabletten, die sie den Eltern brachte. Das tat sie, weil die Mutter ihr sagte, dass alles sehr gefährlich sein kann, was da liegt. Besonders Metalle solle Jette nicht berühren und den anderen Kindern auch Bescheid geben, falls diese etwas finden würden.

Die Metalle sollen die Kinder lieber nicht anfassen, das könnte sonst explodieren. Die Kinder hielten sich daran und klärten sich gegenseitig auf: Dass es sich um nicht gezündete Bomben handeln könnte oder Schießmunition. Es könnten aber auch alte Handgranaten sein. Die würden so aussehen, wie `ne Ananas. Die sollte man lieber nicht anrühren. Wenn jemand etwas findet, könnte man dann einen Schutzmann holen, damit der das wegräumt.

Der Schuttplatz, der schräg gegenüber von Jettes Haus Nr. 14 lag, grenzte an einen Weg, der zu einem Bauernhof für Milchkühe führte. Eigentlich war es kein richtiger Bauernhof mehr. Ein paar querliegende Häuser, in denen Leute wohnten, die die Kühe melkten  und einige Ställe, in denen die Kühe den ganzen Tag angekettet standen, zweimal am Tag gemolken und ansonsten irgendwohin zum Schlachten gebracht wurden, wenn sie ihren Dienst getan hatten. Und natürlich waren auch ein paar Schweine da, die auf dem Hof selbst geschlachtet wurden.

Schräg gegenüber des Schuttplatzes vor dem Bauernhof, auf der Seite der Hausnummer 14, zwei Häuser weiter und etwas tiefer gelegt, lag ein zweites großes Schuttplatz-Areal in der Lücke zwischen zwei Häusern.                                                Es standen wohl vor den Bomben zwei mächtige Häuser an dieser Stelle, die die Straße dominierten. Oder mehrere kleine? Es war noch an den Mauerbruchstücken und den Bruchstücken von Verzierungen und Simsen abzulesen, die dort herumlagen. Wer Glück hatte, fand Reste und Stücke von wunderbar fein bemalten Kacheln und Ecksimsen alter Kachelöfen. 

Auf dieser Seite der Straße bricht die geologische Formation Hastedts eine Stufe hinunter. Die wieder aufgebauten Häuser hatten hier ihre Keller, die, nach hinten offen, zum Garten führten. Es eröffnete sich eine kleine Talmulde für diesen Schuttplatz. Es waren mehrere Baracken hier hinein gebaut  Sträucher und Wildnis machten sich um die Baracken und dahinter, offen zu den Hinterhöfen der Häuser in der Goslarer Straße, inzwischen auch breit. 

Hier hatte die sehr kinderreiche Familie Schuur Unterschlupf bekommen. Mindestens fünf bis acht Kinder der Schuurs turnten in und um die Baracken herum und immer mal wieder starb ein Baby, das gerade neu geboren war. Die Älteste der Schuurkinder war Ingeburg. Ein großgewachsenes Mädchen mit dünnen, aschblonden langen Zöpfen, einem freundlichen Wesen und mit einem wachen, lächelnden Blick. Jeder wusste, dass Ingeburg sich nicht nur die Verantwortung für die ganze Familie aufgebürdet hatte, sondern auch die für die ganze Welt.

Manchmal bekam Ingeburg aufgrund ihrer Hilfsbereitschaft Bonbons von den Leuten geschenkt, die aber oft von ihrem Vater aufgegessen wurden, wenn Ingeburg sie auch für ihre Geschwister auf dem Tisch liegen gelassen hatte.

Dann flüchtete sie zu Anna, zur Mutter von Jette in die Einbecker14 und weinte, weil es nicht beim Aufessen der Bonbons bleiben wird. das kannte sie schon. denn einmal flüchtete sie nachts in die Einbecker 14 zu Jettes Mutter. Es wurde ihr ein Bett gemacht und sie schlief in Sicherheit. Der Vater schlug sie, weil sie gegen das Aufessen der Bonbons protestierte. Das wiederholte sich. Auch tagsüber. Meist kam Ingeburgs Vater bald nach und forderte die Herausgabe seiner Tochter. Anna stellte sich vor das Mädchen und wies den Vater schroff ab:

Wehe, wenn ich höre, dass dem Kind auch nur ein einziges Haar gekrümmt wird, dann komme ich Ihnen aufs Dach!“ Was auch immer Anna meinte, wenn sie jemandem „aufs Dach“ kommen wollte, Ingeburgs Vater hatte vor dieser Drohung Respekt. Es passierte Ingeburg weiter nichts.

Aber, vielleicht hatten das die Katzen der Einbecker 14 mit ihrem Leben zu bezahlen? Sie starben immer. Entweder wurden sie vergiftet, erschlagen oder sie kamen einfach nicht wieder.

Beide Schuttplätze in der Einbeckerstraße waren die absolut ausgesuchten Spielplätze für alle Kinder des Viertels.            Es gab aber noch einen dritten Spielplatz, einen mit einer erhöhten Gefährlichkeitsstufe. Es war der Platz bei dem alten Bunker Ecke Fähr-/ Hemelingerstraße mit der großen Sandfläche.

Die Kinder kletterten auf das Dach des Bunkers und sprangen etwa 2-4 Meter hinunter in den Sand. Es war abgemacht: Die Kleinen durften da nicht spielen und die Größeren passten auf, dass sie nicht dazukommen würden. Diese selbst erstellten Regeln waren strikt und es hielt sich jeder daran.

Auch hier, am Bunker, konnte man viele Gegenstände finden und manchmal auch absonderliche Dinge. Schuhe zum Beispiel, Strümpfe, kleinere Holzkistchen, Möbelbruch, Knöpfe und manchmal auch Schmuckstücke. Nichts wertvolles, doch manches Reststück war hübsch, etwas verbogen, aber es war sichtbar, dass es mal sehr schön gewesen sein musste. Die Bewunderung war jedes mal groß, wenn jemand etwas gefunden hatte. Ein Hut und Kochtöpfe lagen auch da. Jemand hat sie aus dem Sand beim Gebüsch heraus gezogen. Der Hut war aus dunklem Filz und gehörte sicherlich einmal einer schönen Dame. Man konnte sehen, dass er früher sehr elegant gewesen sein musste. Er hatte noch etwas  Netz vorne kleben und war leicht gewellt an der Stirnpartie. Fetzen einer Stoffblume klebten über dem Netz.

Jeder in der Gruppe der Kinder setzte sich den Hut reihum auf und Ingeburg erzählte von der Frau in der Fährstraße.

„ Welche Frau aus der Fährstraße?“ „ Das war die, die bei dem Milchkeller wohnte“. Ja, die Geschichte kannte jedes der Kinder. Sie wussten, dass dieser Frau im Krieg der Kopf weggesprengt wurde, als sie aus der Tür geschaut hatte,- „Vielleicht wollte sie nur gucken, ob man noch schnell zum Bunker laufen kann?“ fragte Hanna Ruch“. „Das weiß keiner, warum sie bei Bombenalarm aus der Tür guckte“.

Der gefundene Hut bekam nun eine Geschichte angeheftet. Jedes der Kinder hatte ab jetzt die Gewissheit, dass es dieser Hut sei, der der Frau aus der Fährstraße beim Wegsprengen des Kopfes vom Kopf geflogen sein musste, bis hierher, zum Bunker, in den Sand. Das war gruselig. Aber es war normal im Alltag der Erzählungen, im Leben und im Denken der Kinder.

Man baute mit Bruchsteinen Räume am Bunker an und spielte „Hausbau“. Es wurde überall in der Stadt gebaut und das regte die Kinder an, es dem nach zu tun. Die gefundenen Gegenstände wurden in den „ neuen Wohnungen“ am Bunker aufgereiht und man richtete Kaufmannsläden mit Fundstücken ein. Manchmal kam ein Polizist vorbei und schaute nach den spielenden Kindern.

Es sei ein „ Schutzmann“ , sagten die Kinder sich untereinander. Schutzmänner seien unverzichtbar, war die Auffassung.

Jette fand das großartig, dass es so etwas wie einen „Schutzmann“ gibt. Sie überlegte sich, wie man diesen Schutzmann näher kennenlernen könnte.

Was macht so einer? „Der bringt Kinder und alte Omas bei Straßenverkehr über die Straße. Der kann jedes Auto anhalten, wenn er will“ sagte Fredi Sass.

Jette fand das sehr beeindruckend. Es musste daher überprüft werden, ob das stimmt.

Die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten. Der Schutzmann kam, wie oft, wieder vorbei und bestaunte die neuen Fundsachen im „Kaufmannsladen“ der Kinder.

Jette sagte ihm, er solle mal zeigen, was er kann. „ Wie meinst du das?“ fragte er“ Na, du sollst uns mal über die Straße bringen und wieder zurück. Aber dann, wenn auch ein Auto kommt- oder die Straßenbahn“.

Es waren ungefähr acht Kinder, die mehrmals vom Schutzmann über die Straße an der Hohwisch hin und her geführt wurden. Dieser „Schutzmann“ hatte großen Spaß an seiner Aufgabe.

Er hielt sogar ein Auto an, damit die Kinder vor dem Auto über die Straße gehen konnten und er ließ das Auto erst dann weiter fahren, als die Kinder die andere Straßenseite erreichten.

Ich werde auch mal Schutzmann“ sagte Fredi Sass. Alle anderen bekräftigten, dass bei ihnen der gleiche Berufswunsch entstanden ist. Selbstverständlich! Auch Jette.

„Mädchen können nicht bei der Polizei arbeiten. Es heißt ja auch Schutzmann und nicht Schutzfrau“ sagte Fredi. „ Dann werde ich mal Bildhauer, wie mein Papa“, „ das geht auch nicht, das können auch nur Männer werden“.

Straßenbahn Linie 3 und: Wasser ist zum Waschen da, Fallerie und Fallera

Beide Schuttplätze in der Einbeckerstraße waren, neben dem alten Bunker Ecke Fähr-/ Hemelingerstraße mit dem großen Sandplatz immer dicht bespielt mit vielen Kindern allen Alters. Man traf dort immer jemanden an und es gab Streit, Klopperei und auch gefährlichere Spiele.

Am Schuttplatz in der Einbeckerstraße, gegenüber dem, auf dem die Schuurs mit ihren vielen Kindern in den Baracken wohnten ging der breite Weg vorbei, auf dem man zum Eingang des Restbauernhofes gelangen konnte. Der Bauernhof lag zwischen der Einbecker- und der Fährstraße wie vergessen oder zurückgelassen da mit seiner kleinen Viehwirtschaft und den ungefähr achtzehn oder zwanzig Kühen und den paar Schweinen. Tiere, die nie das Tageslicht zu sehen bekamen, so, mitten in der Stadt in der Nähe der Weser gelegen. Sie gaben Milch und Fleisch und erfüllten die umliegenden Straßen mit einem Stadtteilgeruch, der nach Landwirtschaft, Silo und frischer Milch roch. An zwei oder drei Tagen vermischte sich die Luft mit dem Duft und den Ausdünstungen der Kaffeerösterei Oetjen und Goedecke in der Föhrenstrasse.

Die Luft war an diesen Tagen sehr würzig und gab den Leuten die Möglichkeit, sich entweder als Städter oder als ländlich orientierte Bewohner einordnen zu können, ganz nach der jeweiligen Prägung und Neigung.

Der eher auf Stadt eingestellte Mensch der hier wohnte, genoss die Nähe zur Innenstadt. Man erreichte sie schnell. Vorbei am Steintorviertel, dem Gefängnis, dem Konzertsaal „Die Glocke“, passierte den Dom, um schließlich am Marktplatz mit der großen Rolandfigur in der Mitte anzukommen. Die Straßenbahnhaltestelle war direkt beim Roland. Da stieg man ein und aus und wechselte an dieser Haltestelle auch die Straßenbahnen.

Typisch für den Stadtteil Hastedt, in dem die Einbeckerstraße liegt, waren die Klänge der Straßenbahn, die, der Linie 3.

Geräusche, die laut waren, die man, ohne an Störung zu denken, hinnahm. Sie gab einen langgezogenen Klagelaut von sich, wenn sie bei der Haltestelle an der Hohwisch angefahren kam. Wie selbstverständlich und in den gemeinen Automatismus des Alltags verfrachtend, überhörte man das laute Bimmeln, das Bremsen der Zugmaschine und das wieder Anfahren. Die Schallwellen der Linie 3 erreichten noch die Einbeckerstraße und waren gut zu hören.

Die Bahn kam im Halbstundentakt, jedes Mal stark schlingernd an. Kurz vor der Haltestelle: „An der Hohwisch“, etwa beim Lotto- und Zigarettengeschäft, machte sie sich bemerkbar.

Jeden Abend, wenn Jette in ihrem Zimmer oben unter dem Dachboden in ihrem Bett, ein ausrangiertes Sofa,  lag und einschlafen sollte, hörte sie auf die Geräusche der Straßenbahn. 

Es waren schöne Geräusche und sie konnte sich vorstellen, wie die Menschen aussteigen und wieder einsteigen. Die Linie 3 fuhr weiter nach Hemelingen oder sie kam aus Hemelingen, um in die Stadt zum Marktplatz, zum Roland zu fahren. Jette stellte sich oft vor, wie die Straßenbahn an dem kleinen Lotto-und Zigarettengeschäft an der Hohwisch vorbei fährt. 

Das kleine Geschäft mit dem netten Zigarettenverkäufer, der ihrem Vater Zigaretten verkaufte und wo sie Woche für Woche mit ihrem Vater zusammen einen Lottoschein ausfüllen durfte. Auf dem Hin- und Rückweg überlegten sie und Alfred sich, was sie alles mit dem Gewinn machen würden, wenn es denn doch mal „sechs Richtige“ geben würde. 

Jette war dafür, dass man alle Menschen, die sie lieb hatte mit Unsummen Geld beschenken sollte. Und selbst kann man mit viel Geld auch etwas anfangen, nur was? Ihr fiel nichts ein, was sie sich wünschen könnte. „Du bist wunschlos glücklich“ sagte ihr Vater. Ja, das war Jette: „wunschlos glücklich“. Was war das denn, „Glück“? 

Sie konnte keine Vorstellung haben von den Problemen, die die Mutter hatte oder der Vater. Davon wusste sie nichts. Nur manchmal, da war eine merkwürdige Schwere und eine Dunkelheit um die Eltern herum , die sie nicht einordnen konnte. Diese Dunkelheit hielt sich dann ebenfalls in den Räumen fest. Meistens in den Ecken oder unter der Treppe hinter dem Vorhang, wo die Toilette war. Und das Dunkel war kalt und gefährlich.

Beide Eltern waren tagsüber meist immer irgendwo in Haus, erreichbar für Jette. Der Vater in seinem Atelier, die Mutter an der Nähmaschine. Die Eltern hatten für sie eine weite, körperliche Wärme. Sie waren greifbar. Jette konnte ihnen auf den Schoß klettern. Sie trugen gute Gerüche mit sich und unter den Achseln der Mutter fand Jette den „Muttergeruch“, den sie so gerne riechen mochte. Sie steckte ihre Nase unter die Achseln ihrer Mutter und sagte ihr, dass die Mama so einen schönen Muttergeruch hat. Anna lachte. „ Na , dann muss ich mich wohl mehr waschen“! Selbst die täglichen „Backse“ in Jettes Gesicht von der Mutter am Esstisch gehörten zum Alltag und Jette ordnete sie so in ihr Leben ein, dass sie, auch mit den Schlägen der Mutter, unverbrüchlich zu ihren Eltern dazu gehört.

Das kleine Lotto- und Zigarettengeschäft an der Hohwisch war ein kleiner Laden mit zwei Fenstern und einem Eingang links. Es lag unten in einem sehr schmalen, freistehenden Haus, das etwas einsam vor der Endstelle eines Straßenbahndepots stand. Im Geschäft gab es auch Kaugummis für die Kinder und Sammelkarten mit Portraits von Fußballgrößen, die sehr begehrte Tauschobjekte waren. Die Mädchen kauften Glanzbilder, genannt “ Oblaten“ in ganzen Bögen für einen Groschen und steckten sie in gut duftende, leere Zigarrenschachteln aus Holz, die sie ebenfalls von dem Zigarettenverkäufer zu den gekauften Glanzbildern geschenkt bekamen.

Für Jette war aber noch etwas anderes wichtig an diesem Zigaretten-und Lottogeschäft. Es waren die Fenster, die stark spiegelten. In ihnen konnte sie in die ganze Alfelderstraße hinein schauen und die Leute angucken, die gegenüber an der Haltestelle auf die Linie 3, hin zur Stadt, warteten. Das war spannend. 

Besonders aber, wenn Jette mit der Straßenbahn ankam und sich anschickte, an der Haltestelle Hohwisch auszusteigen. Dann war der schnelle Blick, während die Straßenbahn an den Fenstern des kleinen Geschäfts vorbei fuhr und die Fahrt verlangsamte, unbedingt ein Erlebnis.

Jette versuchte, für die kurzen, vorbeifahrenden Augenblicke, ihr eigenes Gesicht in den Spiegeln der Fenster des Ladens zu erhaschen, was manchmal gelang.

Sie machte daraus ein magisches Spiel: Gelang es, dass sie sich in den Spiegeln der Fenster erkennen konnte, würde dieses oder jenes auch gelingen, gelang es nicht, ihr Gesicht  zu sehen, würde sie sicherlich irgendwo Pech haben.

Auf jeden Fall war die beobachtete Passage vorbei an den  Ladenfenstern mit der Straßenbahn ein Zeichen dafür, das es Zeit wurde, aufzustehen und sich zum Aussteigen bereit zu machen. Dann kam das erste Jammern der Bremsen der Straßenbahn, das Bimmeln, welches, wie immer, den Fortgang einer langen Bemühung des Bremsvorgangs der Bahn mit Läuten begleitete. Es war ein wichtiges Ritual, ein Gefühl von Heimat und das nicht fehlen durfte, wenn Jette Straßenbahn fuhr. 

Die Räder der Bahn kerbten an den Gleisen entlang und über dem Dach der Waggons streckten sich rautenförmig, wie Insekten wirkende, Arme in die Höhe. Damit berührte die Bahn oben gespannte Elektrokabel und glitt wie eine Gottesanbeterin im Auf- und Ab-Rhythmus die Schlangenlinien der Gleise entlang durch die ganze Stadt. 

Die Straßenbahn war wie eine zweite Wohnstube für Jette und gehörte mit ihren Geräuschen und Gerüchen zum Leben. Besonders doch die Linie 3. Denn in der Linie 3 kannte Jettes Vater einige Schaffner. Meistens unterhielten sich Jettes Vater Alfred und der Schaffner während der Fahrt. Aber oft stand Jette hinten auf der Plattform mit ihrem Vater zusammen und beide ließen sich schaukeln. An dieser Stelle im Waggon schaukelte die Bahn besonders stark in den Kurven. 

Alfred begann oft während der Fahrt zu singen. Natürlich wieder seine Lieblingslieder: „ Vor meinem Vaterhaus steht eine Linde“ und „ Die Luft ist blau, das Tal ist grün, die kleinen Maienglöckchen blühn“. Jette fand das sehr schön, später aber war ihr das etwas peinlich. Sie hat keine Erinnerung daran, was die Leute in der Straßenbahn dazu sagten oder was sie für Gesichter machten, wenn Alfred sang oder seine Lieder sogar pfiff.

In den Wohnvierteln war es gerade mal so, dass etwa nur einer oder zwei der Bewohner ein Auto hatte. Das Auto parkte dann am Straßenrand und wurde selbstverständlich von allen anderen bewundert. Man lies sich auch gerne mal im Auto mitnehmen.

Jettes Familie genoss es, wenn Onkel Schröder sie in seinem großen dicken schwarzen Borgward zurück nach Hastedt brachte. Immer dann, wenn man vorab, mit Bahn und Bus gefahren, die Verwandtschaft in Oberneuland besucht hatte. 

In der Einbeckerstraße war es Herr Kühn, der einen schönen Ford hatte, der stets wie neu aussah. Selbstverständlich gehörten seine Samstage diesem Auto und seinem Glanz und die Sonntage den Fahrten mit einer schönen Dame, die wohl seine Frau war. Keiner wusste das so richtig.

Für die Kinder waren die autoleeren Straßen mit den Schuttplätzen ein Idyll, denn sie hatten Platz zum Spielen. Es gehörte alles ihnen, den Kindern und nicht den Autos. 

Kein Mensch machte sich Sorgen, dass die Kinder eventuell bei ihrem Spiel auf den Schuttplätzen an einen Blindgänger im Schutt geraten könnten. Allerdings warnten die Kinder sich selbst: „Wenn du etwas langes rundes aus Metall findest: Nicht anfassen! Das kann eine Bombe sein. Da muss man dann die Großen holen, oder den Schutzmann, die würden dann wissen, was man tun soll.

Jette nahm das mit den Bomben sehr ernst. Das Wort Bombe trug das aller höchste Gefahrenpotenzial in sich, dass sie kannte. Sie hörte doch die ganzen Geschichten, die erzählt wurden:

Zum Beispiel in der Goslarer, da hätte gerade mal jemand noch schnell in den Bunker am Ende der Fährstrasse laufen wollen und zack, wäre der von einer Bombe abgeschossen worden. Noch, als die Warn-Sirenen an waren.

Im Krieg, der noch nicht lange vorbei wäre, sind die Bomben immer mit Sirenen angekündigt worden, erzählten die Kinder sich. Dann wären alle Leute in die Keller gelaufen und hätten sich versteckt oder sie sind in die Bunker geflohen, die so dicke Mauern hatten, dass keine Bombe sie zerstören könnte.

Wenn die Sirenen auffällig rauf und runter geheult hätten, dann müsse man sich schnell in Sicherheit bringen und darf erst dann wieder rauskommen, wenn „ Entwarnung“ durch einen gleichmäßig langgezogenen Ton gegeben wurde. „Das muss man wissen, wenn mal wieder Krieg ist“, sagte Fredi. 

Jettes großer Bruder Klaus könnte ihr das mit seiner Stimme laut demonstrieren. Das tat er aber nicht. „Jette soll so etwas nicht hören“, sagte er. Jetzt war er ja schon erwachsen und über Zwanzig, da heult er keinen Sirenen- Alarm mehr. 

Aber im Krieg war er noch ein Kind. Da hätte er beim Spielen auf der Straße immer das Sirenengeheul nachgemacht und zwar so täuschend echt, dass die Nachbarn die Polizei geholt hätten, wenn sie entdeckt haben, dass es Klaus war, der da geheult hatte. 

Er hatte aber auch schon als Kind eine große Stimme! Am besten, er wäre ein berühmter Sänger geworden.

Sweer, Jettes anderer Bruder sagte sehr viel später mal zu Jette: “ Klaus hat eine Stimme wie Pavarotti,…… der Körper passt auch: Ein Fass auf zwei Beinen, hahahaha“. Sweer war immer sehr fies!

Die Erwachsenen unterhielten sich jetzt auch über „Sexbomben“. Marylin Monroe und Jane Russell, das wären welche und auch Sophia Loreen und Anita, der Eisberg. Natürlich auch Jane Mansfield. “ Wieder so ein amerikanischer Schiet“ sagte Alfred. Man aß jetzt auch Eisbomben bei Chiamulera, dem Eisladen in der Staderstrasse oder auch Eistorte in der Ratskonditorei Stecker am Marktplatz. Die Konditorei ist im Keller am Marktplatz hinter dem Roland zu finden. Die Stufen sind schmal und die Türen zum Kellerkaffee eng. Anna sagte zu Jette: „Jette, wenn wir mal nicht mehr durch diese Tür der Konditorei passen, dann dürfen wir keine Eistorte hier mehr essen. Aber solange wir noch durchpassen, dürfen wir das.“

Jettes Traum von der Kriegs- Bombe kam mehrmals im Schlaf. Immer wieder träumte sie die gleichen nächtlichen Bilder: Sie hielt sich stets an ihrem Platz im Bildhaueratelier ihres Vaters auf, wo sie ihre Malutensilien liegen hatte. Auch im Traum war das Atelier ihres Vaters voll mit seinen großen Figuren. 

Oben im Dach war ein Oberlicht. Mit einem Mal weitete sich das Oberlicht der Decke des Ateliers und eine Bombe kam herein geflogen. Die Träumerin verfolgte, wie die Bombe mehrmals die Figuren des Vaters umkreiste. Die Bombe hatte einen weiblichen Kopf mit blonden, lockigen Haaren. Alles andere war, wie eben eine Bombe aussah. Nur, dass die Bombe noch Arme besaß, die sie eng an ihren metallenen Körper anlegte, so, dass sie im Atelier rundherum sausen konnte .Jette begann ein Gespräch mit der Bombe: „Warum bist Du so böse?“ „ Muss ich sein!“ „Was willst Du hier bei Papa im Atelier?“ „ich will zerstören“, „ Papas Figuren kaputt machen ? oder willst du uns auch tot machen?“. Die Bombe antwortete: „ Alles!“

Jette wachte hier stets auf. Oft war dann das Haus leer, weil die Erwachsenen ausgegangen sind. Die Brüder sowieso unterwegs und Oma besuchte, wie immer, Tante Liese.

Die Eltern waren beim Treffen des Bremer Künstlerbund oder trafen sich mit Freunden im Ratskeller oder sind zu Heinerle Schriever gegangen, der wieder seinen philosophischen Abend veranstaltete. Sie diskutierten in der gemeinsamen Runde über das „Nichts“.

Jette war nachts oft sehr allein in diesem, für sie großen, jetzt, nachts sehr dunklem Haus. Zurück blieb bei Jette von dem Traum mit der Bombe ein Gefühl der Ohnmacht und die Gewissheit, nichts gegen die Bombe getan zu haben, nichts getan haben zu können. Und die Angst, der Traum könnte weiterhin immer wieder kommen. Die Eltern brachten vom Besuch bei den Schrievers das neue Lied der drei „Peheiros“ mit, dessen Text von Hans Hee stammte: 

„Wasser ist zum Waschen da, Fallerie und Fallera und zum Zähneputzen kann man es benutzen. Wasser braucht das liebe Vieh, Fallera und Fallerie und die Feuerwehr benötigt Wasser sehr“. Die drei Peheiros waren Freunde von Heinerle Schriever:  PEter HEinrich und ROlf , Pe- Hei- Ro 

Beim Frühstück unterhielten sich die Eltern über den vergangenen Abend bei Schrievers. Sie  sprachen weiter über die Philosophie des „Nichts“ und über das Lied der drei Peheiros, dass Wasser zum Waschen da sei. Aber die blonde Bombe kann Jette bis heute nicht vergessen, auch nicht, wie die Bombe sie angelächelt hat, im Traum.

Lesen Sie morgen weiter und korrigieren Sie mich gerne, wenn Ihnen etwas unpassendes auffällt……..

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